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Der Reiterlud von Iggelheim

von Karl Otto Thelemann

 

1. Der erste Ritt und der zweite.

In einem schönen Morgen des Spätherbstes 1603 war in dem kurpfälzischen Dorfe Ugelheim, oder Iggelheim, wie es jetzt heißt, Alles in gespannter Erwartung Der Kurfürst hatte eine große Jagd ansagen lassen in dem schönen Eichenforst, der heute noch »das Lustjagen« genannt wird. Für die älteren Dorfbewohner war es zwar nichts ganz Ungewöhnliches den Landesherrn bei sich zu sehen; denn auf dem freundlichen Jagdschlößlein, das am Ende des Dorfes lag und gegen die Berge der Haardt ausschaute, hatten schon Friedrich der Fromme, als Kurfürst, und sein Sohn Johann Kasimir, als Administrator oft und gerne verweilt, um in der lieblichen Stille etliche Tage zu ruhen von den Sorgen des Regimentes oder des Waidwerkes zu pflegen. Von der wiederholten Anwesenheit des Kurfürsten zeugt auch noch das alte Kirchenbuch des Ortes. ,,1572 den 31.Augusti kein conventus (Versammlung der Kirchenältesten) gehalten worden, dieweil unser gnädigster Herr der Churfürst ist da gewest, und wir do verhindert worden« Eine ähnliche Bemerkung findet sich auch „1573 den 30. Augusti,“ daß Tags zuvor der Kurfürst sei da gewesen. Auch der jetzige Kurfürst Friedrich lV. war kein Fremdling für die Insassen des Dorfes; sie hatten ihn früher manchmal in Begleitung seines Oheims und Vormundes Kasimir gesehen und gedachten noch des munteren Prinzen. Es war aber schon lange her; seit der Kurhut sein Haupt schmückte, war es das erste Mal, daß er die wildreichen Reviere des Ugelheimer Forstes wieder besuchen wollte.

Die vom Oberjägermeister bestimmte Stunde der Ankunft nahte, und im ,,Jagdhof“, so hieß das Schlößehen beim Volk, standen die Männer und Bursche bereit, welche der Schultheiß und der Förster zur Jagd „geboten“ hatten. Im Thore hatte sich der Pfarrherr mit seinen Aeltesten und dem Schulmeister, sowie der Schultheiß mit „Anwalt“ und „Gericht“, dann der Förster und der Zoller (Einnehmer) als die Beamten des Dorfes aufgestellt, ihren Herrn nach Gebühr zu empfangen. Auch Hans Bast, der ausgediente pfälzische Kapitän, der des Pfalzgrafen Kasimir Kriegszüge mitgemacht und nun in Ugelheim ausruhte, hatte seine Uniform gebürstet, die grossen Sporenstiefel angelegt und sich den „Herren“ beigesellt. Diese Bezeichnung für die Beamteten hat sich bisher erhalten, und noch vor dreißig Jahren bestand die äußere Auszeichnung darin, daß nur Pfarrer, Einnehmer und Bürgermeister Stiefel trugen, während die allgemeine Tracht des Dorfes noch Schuhe mit Gamaschen führte.

Vor der Hofmauer des Jagdschlosses drängte sich an selbigem Tage Alt und Jung, um das Schauspiel des Einzugs zu genießen. Verschiedene Gruppen hatten sich gebildet, in deren Mitte man die Großväter sah, wie sie von den vergangenen Tagen erzählten, da sie den frommen Kurfürsten und seinen Sohn, den ritterlichen Johann Kasimir, im Schloß und in ihrem kleinen Kirchlein gesehen hätten, und wie das „gar so niederträchtige Herren gewest“ wären, die sich nicht hoch getragen und mit dem gemeinen Mann sich gern „versprächt“ hätten. Natürlich daß durch solche Erzählungen die Neugier der Jugend noch höher gespannt wurde. Und ob auch die gemeldete Zeit schon verstrichen war, hatte der Herr Schulmeister doch keine Noth mit der Ungeduld seiner Knäblein; denn die Alten fesselten sie mit ihren Geschichten.

Wie es aber auf einmal heißt: „Sie kumme! Sie kumme!“ —- da war’s mit dem Halten aus. Jetzt gab’s Bewegung unter der Jugend mit Fäusten und Ellenbogen; denn jedes wollte vorne dran sein und den besten Platz haben. Aller Augen richteten sich nun dahin, wo sich der Wald öffnete, der damals noch über die Straße von Haßloch, oder Haselach, wie es damals hieß, herüber reichte. Dort sah man den leichten Sand anfwirbeln, und dem Gefolge voraus erkannte man deutlich die kräftige Gestalt des Kurfürsten und seine Gemahlin Luise Juliane, beide zu Pferd; denn auch sie war eine gute Reiterin uud liebte sehr die Ergetzlichkeit der Jagd.

Sie waren in scharfem Trab dem Jagdhof schon ganz nahe gekommen, die Herren im Thor hatten sich in Positur gesetzt und der alte Pfarrherr Heinrich Hendel räusperte sich bereits, um seine Rede an das fürstliche Paar kräftiglich anheben zu können, als ein anderer Reiter, der aus dem Dorfe herkam, die Blicke aller Anwesenden ans sieh zog.

Die Hände waren an jenem Morgen regsamer gewesen denn sonst, weil jedes daheim mit der Arbeit bald fertig werden wollte, um die Ankunft der Herrschaften ruhig erwarten und ansehen zu können. Ueber solchen Gedanken hatte des Zimmerhensels Ammegreth1 in der Sandgasse die Thüre des Schweinstalles in der Eile nicht gehörig verriegelt, und die Einwohnerin hatte so lange gebohrt und gestoßen, bis die Thüre nachgegeben und sie die Freiheit erlangt hatte. Niemand war mehr um den Weg, nur des Zickramfften Ludwig, ein Büblein von zehn Jahren, kam daher, weil ihn sein Vater mit einem Auftrag an die Mutter noch einmal heimgeschickt hatte. Der tummelte sich, um wieder an seinen Platz zu kommen, und wollte gerade an dem Thier vorüber eilen, als er hinter sich seinen Namen rufen hörte.

Wie er sich umschaut, ist es der Schwarzen=Andrees, der als ein loser Schalk im ganzen Dorf bekannt war. Auch jetzt hatte er sich gleich auf einen Streich besonnen, und anstatt das Thier einzutreiben, ruft er dem Buben zu: „Huck dich druff, Lud, unn reit veer!“

Der nicht faul, führt den Anschlag aus. Als Zügel müssen ihm die langen Schlappohren dienen, und grunzend läuft der borstige Gaul mit der ungewohnten Last auf seinem fetten Rücken davon. Im Anfang war es für den Buben ein Hauptspaß als aber das Thier am Ende der Gasse um die Ecke des Schulgartens bog und stracks Laufs dem Jagdhof zueilte, da wackelte dem Reiter doch das Herz. Alles Reißen und Zerren an den Zügeln half nichts, fort gieng’s; er wollte absteigen, aber ohne Fall wäre das nicht gelungen, und bis er sich recht hin und her bedacht, kam er in gestrecktem Galopp gerade heran, als der Kurfürst mit seinem Gefolge von der andern Seite im Trab anritt.

Alle Augen wandten sich von dem stolzen Jagdzug dem ungemeldeten Reiter zu. Lud’s Vater, einer der Kirchenältesten, ward sein zuerst gewahr und wurde blaß vor Schrecken; Herr Gideon Steinmüller, der Schulmeister, winkte drohend mit aufgehobener Hand und der Kapitän brummte einen ,,Mordskerl“ in den Bart. Die Jugend aber empfieng trotz der Nähe des Kurfürsten ihren Kameraden mit lautem Halloh.

Da wendet sich plötzlich das Thier, erschreckt durch das Geschrei, und ehe der Reiter sich's versah, lag er mit seinem neuen Sonntagsstaat im Sand. Aufspringen und hinter die Hecken am nahen Fischweiher sich flüchten, war eins.

Der Pfarrherr wollte nun diesen störenden Auftritt bei dem Kurfürsten entschuldigen und hob an: ,,Verzeihen Ew. Durchlaucht einem muthwilligen Buben —- —— .“ Der aber ließ ihn gar nicht ausreden, sondern lachte gar herzlich und sagte: „Nun, laßt das gut sein! der Bube soll nur auch einmal bei Kurpfalz ein rechter Reitersmann werden. An Muth fehlt’s ihm schon jetzt nicht.“

Für die ernste Empfangsrede war nun kein Raum mehr, und der Kurfürst ritt mit seinem lachenden Gefolge in den Hof hinein. Die Männer, die ihn empfangen hatten, mußten zu ihm in den großen Saal treten, wo sich der leutselige Herr noch eine Weile mit ihnen unterhielt, besonders mit Haus Zickramfft, als er vernommen, daß dieser der Vater des sonderbaren Reiters sei.

Der Vorfall trat aber in den Hintergrund, als sich Friedrich zu dem Kapitän wandte und des Alten Mund übergieng vom Lob des pfälzischen Helden, unter dem er gedient, des Pfalzgrafen Kasimir. Als er sah, wie der Kurfürst, der seinen vielgeliebteu Ohm stets in gutem Andenken behielt, theilnehmend und bewegt ihm zuhörte, da ward es ihm leicht ums Herz, denn er hatte ein ganz besonder Anliegen. Zur Pflege seines Alters hatte er sich noch eine Gehilfin erwählt unter den Töchtern des Dorfes, und war durch diese seine ehrliche Hausfrau vor dreien Tagen mit einem Töchterlein erfreut worden. Nun wollte sich der Kriegsmann „aus absonderlichem Anhang an Pfaltz und dero durchlauchtiges Haus“ von seiner Fürstin die Gunst der Gevatterschaft erbittert. Er that’s, so zierlich und manierlich es eben unter dem grauen Schnauzbart heraus wollte, und fand wirklich geneigtes Gehör. Einige Tage waren ohnehin zum Aufenthalt des fürstlichen Paares bestimmt und im Taufbuch lesen wir:

„Ao. 1603 den 24. Octobris. Hans Basten,
„Pfalutz Kapiten alhie, vnd Annae seiner Haus-
„frawen eine Tochter getaufft mit Namen Loisa Ju-
„liana. Zeug solcher Tauff ist vnsere gnedigste Fraw,
„Fraw Loisa Juliana, Pfalntzgräffin Churfürstin &c.“

Erfreut über die Herablassung ihres Herrn, wie das ja ein Zug fast aller pfälzischen Fürsten war und heute noch eine Zierde ihrer edlen Nachkommen auf dem bayrischen Königsthrone ist, kehrten die Väter des Dorfes heim. Nur Einer konnte nicht fröhlich sein, schweigend gieng er mit ernstem Blick neben ihnen her.

Daheim war Vater Zickramfst erste Frage: „Wo isch der Lud?“ dieser war unterdessen heimgekonnnen zur Mutter, welche die Spuren des Falles sogleich an seinen Kleidern bemerkte; denn trotz alles Schüttelns und Klopfens war es ihm nicht gelungen seinen Anzug wieder in gehörigen Stand zu setzen. Auf die dreingenden Fragen der Mutter gab er wiederholt nur die einsilbige Antwort: „Ich bin hing’schlache.“ Mehr war nicht aus ihm herauszubringen, und als er sich werktags umgekleidet hatte, war er davon gegangen, nach der Meinung der Mutter wieder an den Jagdhof. Doch war er nicht so weit weg, daß er nicht hören konnte, wie nun der Vater noch unter der Thüre stehend, der Mutter die ganze Geschichte erzählte. Er wußte, daß ihm kein Streich übersehen ward, vorab ein so auffallender, darum hielt er sich den ganzen Tag über in seinem Versteck auf dem nahen Heustock, bis ihn gegen Abend der Hunger herabtrieb.

Kaum hat er den Boden erreicht, so sieht ihn auch der Vater und ruft:

„Geh mol her, Lud; wersch d’r heit ’n Wolf geritte hawwe, ich will dich ei’reibe met ungebrennter Aesch!“

Weinend machte sich der Junge herbei und wollte sich damit entschuldigen, der Andrees hätt’s ihn geheißen. Aber das wurde nicht angenommen, sondern der Vater erwiederte ihm mit dem Spruch: „Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht,“ und ob er's auch ebenso gethan hätte, wenn ihn der Andrees statt auf die Sau zu sitzen, geheißen hatte, in den Rhein zu springen? Nun empfing Lud die wohlgemessenen Streiche. „Daß de mer so eppes nimmi thust!“ —- mit diesen Worten ward er entlassen.

Des andern Tages war Spieltag; denn die hohe Frau Gevatterin des Kapitäns hatte Wecke backen lassen, welche nach der Taufe des Mägdleins an die Dorfjugend in der Kirche vertheilt wurden. Aber der Lud ward des Tages nicht froh, und der Weck schmeckte ihm zwischen den Zähnen wie Stroh; denn er sah, wo er gieng und stand , des Herrn Gideon drohende Rechte, und nächten hatte er sie sogar auf seinem Rücken gespürt, versteht sich, im Traum. Es waren aber nur des Vaters Streiche vom Abend, die noch juckten, und mit dem Gedanken an den Schulmeister war er eingeschlafen. Nun, der Tag gieng auch herum, die Herrschaften zogen wieder ab gen Neustadt, und am andern Morgen rief das Glöcklein vom Rathhaus wie gewöhnlich zur Schule.

Da und dort sprang ein Knäblein oder Mägdlein aus der halb geöffneten Hausthüre und in munterem Zuge gieng’s neben dem Dorfbach hinauf. Sie hatten sich so viel zu erzählen, „was für schöne Gäul das gewest sind,“ wie die Kurfürstin einen „arg tollen“ Rock angehabt hätte bei der Kindtaufe, und dort stritten sich ihrer fünf darüber, wer von ihnen den größten Weck davon getragen hätte. Die Kinder trugen Bibel, Katechismus und Gesangbuch unterm Arm und auf der Schulter ein Scheitlein Holz, wie es Brauch war,daß sie von Anfang der Winterschule auf diese Weise für den Ofen in der Schulstube und für den Herd der Schulfrau sorgen mußten.

Der Lud gierig anfangs mit seinem ältern Schwesterlein ganz abseits von den Andern und duckte sieh an den Häusern hin. Wie ihn aber seine Kameraden dennoch erblickten, da kam von mancher Seite ein „brr! brr!“ — denn mit diesem Laut hatte er sein unbändig Rößlein wollen zum Stehen bringen. „So geht's,“ dachte er; „wer de Schade hot, braucht vor de Spott net ze sorje.„ Und als Einer rief : „Reiterlud!“ — da stimmte der ganze Haufe lachend ein und der Name war gefunden, der ihm bis an sein Ende verbleiben und nach welchem man ihn mehr kennen sollte, als wie er im Taufbuch stand: „Lodwig Zickramfft.“ Denn so war’s bei den Alten, und so ist's heute noch Sitte oder Unsitte in den pfälzischen Dörfern.

In der Schule gieng’s besser als er sich’s geträumt hatte. Herr Gideon ließ ihn heraustreten, hielt ihm eine scharfe Lektion, indem er ihn zwischen den Knieen festhielt, und verurtheilte ihn dann ans den Esel. Er sollte seinen ersten Ritt durch einen zweiten büßen.

Sind schon viel vornehme Leute auf Eseln geritten, als wir hören von Abraham und Mosen und Abigail, ja vom HErrn Christo selber, und ist ihnen keine Schande gewesen. Aber wer auf dem Esel in der Schule zu Ugelheim sitzen mußte, für den war’s eine. Ein wildes Thier wie der des Absalom war bemeldter Esel nicht; er hatte noch keinen Reiter abgeworfen oder verloren. Er war eher zu vergleichen mit der Eselin Bileams, welche nicht von der Stelle gieng; sintemal er am Boden festgenagelt war. Die meiste Aehnlichkeit hatte er mit Isaschar, den sein Vater einen „beinernen Esel“ nennt; denn der Ugelheimer war ein hölzerner. Es war ein kantiges Stück Eichenholz auf vier Füßen, anzusehen wie ein Sägebock, und gehörte nebst dem Stab Wehe und dem Erbsensäcklein, darauf der arme Sünder knieen mußte, zu den Exekutionstruppen eines jeden pfälzischen Schulherren in jener Zeit. Das muß man den Alten lassen, feste Zucht haben sie geübt, und Humor war auch in den Strafmitteln. Dabei sind Haus und Schule Hand in Hand gegangen, wie der Reiterlud davon erzählen kann.

Der muthwillige Reiter hatte gebüßt, auch der hämische Anstifter des Streiches sollte nicht leer ausgehen. Er hatte schon etliches ans dem Kerbholz, und als Vater Zickramfft am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst dem Pfarrer die Veranlassung jenes Rittes erzählte, ward der Schwartzen=Andrees vor den Konvent der Aeltesten „in den Pfarrhof gefordert.“ Es gab damals nicht so viele Verordnungen, aber mehr Ordnung. Der Schultheiß und seine Schöffen, der Pfarrer mit seinen Aeltesten hatten mehr Ansehen, und wo auch kein besonderes Gesetz sprach, dämpften sie den Unfug. So wurde gegen jenen Verführer eingeschritten, wie das Konventsbuch noch davon zeugt:

„Ao. 1603. den 27. Octobris. ist Andreas
„Schwartz fürkommen vnd vermanet worden, das er
„sich der vnnützen wort wollte enthalten vnd sich nicht
„also lasse ergerlich hören bey dem iungen volck, als
„auch das er des Hanns Zickramfften sönlein lodwi-
„gen auff die losen2 hat heißen sitzen. Die ver-
„manung ist genommen aus Matth. 18, vers. 6:
„Wer aber ergert dießer geringsten einen die an mich
„gläuben, dem wär besser, das ein Mülstein ann sein
„halß gehängt vnd er ersäufft würd im meer, da es
„am tieffsten ist.“ —-

 

2. Ein Schlag, der zwei Pläne vereitelt.

Achtzehn Jahre waren seitdem vergangen, daß der Lud seinen ersten Ritt gethan und bald daraus seinen zweiten. Von jener Zeit an war er sittiger und gesetzter worden, so dass die Eltern und männiglich Freude hatten an dem anstelligen Buben. Und als er von der Schulbank war freigesprochen, war eines Tages Herr Steinmüller ins Hans gekommen, hatte den Lud bei den Eltern nach der Wahrheit belebt und sie zuletzt angegangen, ihm den Buben noch ferner zu überlassen, er könne vielleicht sein Nachfolger im Dienst werden, wenn Gott Gnade und Segen dazu gebe.

„Ja, was wohr isch,“ meinte die Mutter, „unser Lud hot’n grausame Kopp for’s lere (lernen), er kinnt wohl e Schulmäschter werre, unn e Stimm hot er hell wie e Glock.“

Auch dem Vater leuchtete der Plan ein , da ihm keine großen Unkosten dabei anflielen, und sein Sohn doch einmal sein Brot in Ehren essen konnte. Man wußte damals noch nichts von einem Seminarium, darinnen die jungen Bürschlein „auf Schullehrer studiren“ und sich was großes drauf zu gut thun, ehe sie noch etwas geleistet haben. Die alten Lehrer zogen sich ihre Nachfolger meist selber aus ihren besten Schülern, denen sie noch besondere Unterweisung gaben, und die ihnen im Schulhalten beständig zur Hand gehen mußten. In der übrigen Zeit arbeiteten sie daheim, was grade vor sie kam, oder waren dem Herrn Magister im Hause und auf dem Felde behilflich.

So war auch seither dem Lud ein Tag wie der andere hingegangen, mit Ausnahme des Sonntags, an welchem er in der Kirche neben dem Schulmeister stand und vorsingen half, denn eine Orgel war in die kleine reformirte Dorfkirche noch nie gekommen.

Aber sonst hatte sich manches verändert. Friedrich IV. war gestorben, sein Sohn Friedrich V. war Kurfürst geworden an seiner Statt und hatte schon mit der böhmischen Königskrone den pfälzischen Kurhut auf der Flucht aus Prag verloren. Auch der alte Pfarrherr hatte das Zeitliche gesegnet und sich gestreckt nach dem, das vorne ist, nämlich nach der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Und der ihm ins Grab sang, sank nun an einem trüben Novembertag des Jahres 1621 auch dahin, Herr Gideon Steinmüller, der Schulmeister. Er hatte manchmal umgedroschen in seiner Schule, wenn’s noth that, wie der Held gleichen Namens den Waisen in der Kelter bei der Eiche zu Ophra. Bei alle dem hatte ers recht gut, gieng hin und nahm zu, also daß von ihm gelten konnte, wenn er in seinem braunen Rock daher kam über die Gasse, was jener Schildwächter im Lager der Midianiter seinem Kameraden beim Wachtfeuer erzählte: „Siehe, mir hat geträumt, mich däuchte, ein geröstet Gerstenbrod wälzte sich daher.“ Ist aber der Held Gideon ausgestanden, als die Noth seines Volkes war groß geworden, so that ihm das sein Namensvetter zu Ugelheim nicht nach, sondern legte sich zur letzten Ruhe, als gerade die Drangsale des Krieges über die Pfalz hereinbrachen. Beide haben darin gethan, was sie der HErr geheißen. Doch konnte von beider Ende gelten, was geschrieben sieht: „das Land war stille, so lange Gideon lebte.“

Es war am Abend des 21. Novembers 1621. Das Gewölk, das den ganzen Tag über den Himmel verhüllt hatte, war zerrissen, so daß dann und wann der Mond ein wenig durchblicken konnte; denn er ist ein gar neugieriger Geselle, schaut und lauscht gerne, wie es da unten bei den Menschenkindern zugeht. Gewiß, schon manchmal hätte er gern sein freundlich Angesicht bedeckt vor den Sünden und Schanden, davon er der einzige Zeuge war, wenn er gerade eine Wolke zur Hand gehabt hätte. Oft aber darf er sich auch freuen, wenn er der stille Zeuge solcher verborgenen Thaten ist, die der Vater im Himmel einst vergelten wird öffentlich. Dabei ist er auch wieder ein neckischer Schelm. So leuchtete er jetzt hinab in einen Hof der Buschgasse; die aber darin beisammen standen, haben’s ihm nicht einmal groß gedankt; hätt’ er's bleiben lassen, wär’s ihnen sogar lieber gewesen. Ein schmucker Bursch lehnte sich dort von außen über die Hausthüre, deren obere Hälfte geöffnet war und drinnen stand in Zucht und Ehren des Stangenstoffels Töchterlein. Obwohl am Abend, so war’s doch keine verstohlene Zusammenkunft, sondern sie hatten schon den landbräuchlichen „Handstreich“ gehalten, d. h. die Eltern hatten zur ehelichen Verbindung ihre Zustimmung ertheilt und in Beisein der beiderseitigen Verwandtschaft und beider Pathen ihre Hände in einander gelegt. In der Stube saß Vater Stang und las laut in der Bibel, während seine Frau ilnn gegenüber einen Rock ansbesserte.

„Das istsaber einmal eine Leiche gewesen,“ fuhr Lisbeth fort; den Anfang des Gesprächs hatte der Mond nicht gehört, weil sich gerade ein paar Wolken unter ihm heftig um den Vortritt stritten. „Wahrlich, er hat’s auch verdient, daß man ihn so ehrt, denn fast die ganze Gemeine hat bei ihm lesen und schreiben gelernt. Wie wird’s jetzt mit der Schul’ gehen, was meinst du, Lud?“

Der Bursche war kein anderer als Reiterlud.

Er bog sich näher zu ihr und pisperte: „Das will ich dir sagen, mein Schatz; denn grad’ deßwegen bin ich diesen Abend noch kommen. Wie wir heut von der Leich sind heimgangen, hat mir der Pfarrherr gewinkt und mich heißen mit ihm auf seine Stub’ kommen. „„Zickramfft,““ sagt er da, „„Er weiß, wie’s steht im Land. Unserm gnädigsten Herrn, dem Kurfürsten, Gott tröst ihn, ist das Land gegen Recht und Gerechtigkeit genommen und das hispanische Volk ist dahergefallen gleich als die Heuschrecken. Da könnt Er nun in Gottes Namen vicario modo mit dem Schulhalten anfangen, und wenn die Kriegsläufte vorbei sind und unsere von Gott verordnete Obrigkeit wieder da ist, dann kann Er sich bei einem hochwürdigen Kirchenrath zu Heidelberg melden und examiniren lassen. An einem guten Testimonium soll's nicht fehlen, damit Er im Schuldienst hiesiger Gemein rite konfirmiret werde.““ In der nächsten Woch zieh ich ins Schulhaus, und wir wollen’s abwarten, was es für einen Ausgang mit den Spaniolen nimmt. Wir können vielleicht schier heiren (heirathen); denn den Dienst werd ich wohl kriegen. Die Unruhen werden ja ihr Ziel finden; denn überm Rhein steht der tapfere Mansfelder mit einem tüchtigen Heer, und dem „deutschen Michel“3 an der Bergstraße ist der Degen auch nicht in die Scheide gerostet.“

Aber Lisbeth konnte die freudigen Hoffnungen des neuen Schulmeisters nicht theilen. Mit gesenktem Haupt sprach sie: „Ach, lieber Lud, ’s ist mir so bang zu Muth; ich mein alls, es geht noch hart her. Mein Vater war heut in Speyer drinn, da sind die Herren den ganzen Tag auf der Rathstub bei’nander gewest und haben sich auch besprächt von wegen dem fremden Volk. Schier die meisten haben dafür gestimmt, man soll den Hispaniern die Thore aufmachen und sie gut empfangen, weil man einem bösen Hund zwei Stück Brot geben müßt.“

„Und er wird sie doch beißen die mattherzigen Krämerseelen,“ fiel Lud ihr ganz entrüstet ins Wort. „Hintennach wird’s auch an denen erfüllt, was die Schrift sagt: da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden. Die Narren aber muß man mit Kolben lausen, und das verstehen die Hispanier aus'm ff. Gott weiß, ich will keinem Menschen was Böses wünschen; aber es findet jeder am End, was er verdient.“

„Daß sich Gott erbarm,“ jammerte Lisbeth, „wie wirds uns auf'm Dorf erst gehn! Was für Greuel muß man hören von sellem wüste Volk!“

„Liebe Lisbeth,„ fieng nun der junge Mann zu trösten an, „du hast ja deinen ,Heidelberger’ gelernt; weißt du nicht mehr, wie’s ,im einigen Trost’ heißt: daß der HErr Christus mich also bewahret, daß ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muß. Ihm wollen wir vertrauen, Er wird uns führen, wie Er’s über uns beschlossen hat.“

Beide versanken in nachdenkliches Schweigen.

Drinnen in der Stube hörte man den Vater das Lied des Johann Heermann: Treuer Wächter Israel, laut lesen, „ein Lied in währender Kriegsnoth zu beten.“ Er war am sechsten Vers:

“ JEsu, der du JEsus heißt,
Als ein JEsus Hilfe leist!
Hilf mit deiner starken Hand,
Menschenhilf hat sich gewandt.
Eine Mauer um uns bau,
Daß dem Feinde davor grau
Und mit Zittern sie anschau.“

Wieder sprachen die Beiden ein wenig mit einander, da hörten sie den Vater mit erhobener Stimme weiter beten:

„Du bist ja der Held und Mann,
Der den Kriegen steuern kann,
Der da Spieß und Schwert zerbricht,
Der die Bogen macht zunicht,
Der die Wagen gar verbrennt
Und der Menschen Herzen wendt,
Daß der Krieg gewinn ein End.“

Lud und Lisbeth hatten die Hände in einandergeschlagen und im Herzen den Vers mitgebetet. Jetzt war’s Zeit, sich zu trennen. Lud trat noch in die Stube, wünschte den beiden Alten und seiner Lisbeth, die ihm noch zur Thür das Geleit gab, eine gute Nacht, und eilte raschen Schrittes das Dorf hinauf nach seines Vaters Haus. Auf dem Lager aber wogten die Gedanken noch lange auf und ab in seinem Herzen, bald kamen die Hoffnungen, bald die Sorgen oben auf, bis der Schlaf beide hinweg nahm.

Die Schule war am andern Tage kaum von dem neuen Lehrer geschlossen, als er mit seinen beiden jüngeren Brüdern nach dem Walde gieng, um für den täglichen Hausbrand sorgen zu helfen. Sie hatten einen weiteren Weg als gewöhnlich zu machen, da jene beiden in einein entlegenen Schlage einige abgestandene Bäume entdeckt hatten, die sie mit einander holen wollten. Sie fanden sie richtig wieder und hatten mit dem Fällen und Herrichten des Holzes zum Tragen vollauf zu thun. Als sie fertig waren, konnte man am Stande der Sonne merken, das; die Mittagstunde schon eine Weile vorüber war, und nun lagerten sie sich und zogen die Vorräthe hervor, die ihnen die Mutter in die leinenen Säcklein, wie sie die Waldbuben über der Schulter tragen, gesteckt hatte. 

Nach beendigtem Mahle gieng der jüngste von den Brüdern zu dem Bruchgraben, der nicht weit davon vorbeifloß, um in seinem Filzhut einen frischen Trunk zu holen. Das Bruch ist eine weite Strecke Wiesenlandes, auf der kein Baum noch Strauch steht, so daß man eine freie Aussicht mitten aus dem Walde auf die Ebene und auf das Gebirge hat.

Es währte aber nicht lange, so kam der Junge athemlos gelaufen, den leeren Hut in der Hand schwenkend und seinen Brüdern zurufend: ,,Do gehn doch emol ’eraus nun sehne, wie’s in Haslach so arig brennt!“

Eilings kamen die beiden andern herzugelaufen und sahen nun, wie über dem genannten Ort in dicken Säulen Rauch und Flammen ausstiegen und der Himmel weithin geröthet war. Starr vor Entsetzen stehen sie, da tauchte bei Lud die Erinnerung an das gestrige Gespräch mit seiner Lisbeth auf, und horch! —- ist das nicht ein Knallen wie von Gewehrfeuer, das sie hören? Es ist ihnen jetzt kein Zweifel mehr, daß die Spanier schon in Haselach eingedrungen seien. Und so war es auch wirklich. Sie hatten die dortige kurpfälzische Burg gestürmt, und weil sich die Besatzung tapfer gewehrt, hatten sie aus Wuth über den Widerstand und über ihren Verlust die Gefangenen, die sie machten, alle niedergehauen und das Dorf in Brand gesteckt. Die Bürger, die aus ihren brennenden Häusern noch das Beste retten wollten, wurden von den erbitterten Soldaten niedergeschossen und ihre Habe zur Beute gemacht.

Das geschah nur eine halbe Stunde von Ugelheim! Wie wirds jetzt daheim stehen? — das war ein Gedanke, den die drei Brüder fast zu gleicher Zeit aussprachen. Sie machten ihre Holzbündel kleiner, um schneller fortkommen zu können, hieben sich noch starke Tragprügel und eilten, so sehr sie konnten, auf den nächsten Wegen dem Dorfe zu.

Das Schießen dauerte indeß ununterbrochen fort und mehr wie einmal sahen sie ganze Wolken von Rauch mit Asche und Funken über den Wald hintreiben. Manchmal wollte es ihnen fast vorkommen, als ob auch einzelne Schüsse von Ugelheim her schallten. Sie redeten wohl einander zu, daß es Täuschung sei, und der Oberwind, der gerade wehte, den Schall der Schüsse von Haselach herüber trage. Doch konnten sie sich damit nicht ganz beruhigen, die Besorgniß um die Ihrigen trieb sie zu solcher Eile, daß sie zuletzt liefen, als ob der Boden unter ihren Füßen brennte.

Bei der Mühle treten sie endlich ans dem Wald, und nun sehen sie vor sich, wie da und dort vom Dorf her eine Frau oder ein Kind gegen das Dickicht am Mühlbach oder gegen den Wald zu läuft. Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen. Flugs werfen sie ihr Holz ab, nur ihre Tragstecken behalten sie. Auf Lud’s Geheiß eilen die beiden jüngeren nach Hause, er selbst aber schlägt den weiteren Weg ein durch die Buschgasse, eine unerklärliche Angst zieht ihn nach dem Hofe seiner Lisbeth.

Von den Mordbrennern Haselachs war ein kleiner Trupp nach Ugelheim herüber gekommen, und die Einzelnen hatten sich die wenigen stattlichen Häuser, in welchen sie etwas zu finden hofften, ausgesucht, um ihren Kameraden zuvorzukommen. Des Stangenstoffels stattlicher Hof, der am Ende der Gasse lag, hatte einem Spanier in die Augen gestochen, und von weitem erkannte Lud die Gefahr, als er am Hofthor ein gesatteltes Dragonerpferd angebunden sah.

Nun lief er nicht mehr, er flog.

Wie er in den Hof tritt: welch ein Jammer vor seinen Augen! Der alte Stangenstoffel liegt in seinem Blute unter der Hausthüre, und der Soldat ringt mit der Lisbeth, welcher die schwache Mutter mit zitternder Hand beistehen will.

,,Platz do!“ schreit der Lud. Seine Augen funkeln und mit beiden Händen hebt er den Tragbaum in die Höhe zum Ausholen.

Wie der Spanier auf diesen Ruf seine Beute losläßt und sich nach dem unverhofften Gegner umdreht, die Hand sogleich am Pallasch, da fällt schon der sicher geführte Hieb. Die Sturmhaube, welche zunächst getroffen wird, schützt ihn nicht; die Wucht des Streiches war so mächtig, daß der Soldat zusammenschnappt wie ein Sackmesser und regungslos am Boden liegt.

„Jetzt fort!“ drängt Lud die beiden Frauen, „eh’ der Kerl vielleicht wieder aufsteht!“

Aber mit dem Schrei: ,,ach, Vater! ach, lieber Vater!“ hatten sich beide über die Leiche des Alten geworfen, und ihr Retter mußte alle Kraft der Arme und der Ueberredung aufbieten, um sie wegzuraffen und zu eiliger Flucht zu bewegen.

Endlich gelingt es ihm.

Aber nun drängt ebenso Lisbeth: „Lud, um Gottes willen, mach du nur, daß du den Wald noch erreichst; ich hör die Andern schon die Gass ’rabreiten!“

Lud bringt die beiden Frauen noch eilig hinter das Haus, von wo sie zwischen den Gärten sich zu seinen Eltern durchschleichen können.

„Wann’s dusper ist, soll mein Vater mal ’ranskommen; unter der großen Eich im ,,schönen Baumweg“ trifft er mich. Behüt dich Gott, liebe Lisbeth!“ So ruft Lud den Fliehenden noch nach, und so schnell er gekommen, war er mit seinem Stecken auf der andern Seite hinter den Häusern verschwunden und am Saum des Waldes angelangt, ehe noch die Reiter den Schauplatz seiner That erreicht hatten.

Diese versuchten alles, um ihren Kameraden wieder ins Leben zu bringen, aber es war vergebens und somit Lisbeth vor etwaiger Erkennung und Rache des Unholdes sicher. Ihre Wuth ließen sie an dem verlassenen Hause ans. Die Fenster wurden zertrümmert, das Geld und was sonst einigen Werth hatte und leicht mitzunehmen war, als Beute herausgeschafft, die Betten aufgeschnitten und die Federn auf die Gasse geschüttet, im Hause alles kurz und klein geschlagen. Die beiden Pferde hatte der Alte am Mittag geflüchtet. Nachdem die Soldaten den Kuhstall fest verriegelt und die Leiche des Hausvaters, mit Säbelwunden und Fußtritten bedeckt, ins Haus hineingeschleift hatten, zündeten sie den Hof an den vier Ecken an.

Als nun die Flammen über dem ganzen Gehöfte hell zusammenschlugen, und das arme Vieh in dem Stall vor Hitze und Todesangst brüllte, da hätten sich die Steine erbarmen mögen. Aber die Mordbrenner saßen wieder auf ihren Gäulen, strichen den Schnauzbart und lachten in teuflischer Freude. Kein Nachbar durfte es wagen, nahe zu kommen. Sie hatten sich hie und da in den Gärten gesammelt und erwarteten nichts anderes, als daß dem ganzen Dorf das Schicksal der Nachbargemeinde widerfahren werde. Aber der HErr wachte und gebot dem Wind, daß auch kein Lüftchen sich regte, und weil der Hof ziemlich entfernt lag von den nächsten Häusern, so wurde er der einzige Raub der Flammen und das Grab seines Herrn. Das Gebet des alten Stang um Rettung in der Kriegsnoth war nur theilweise erhört, den Seinen war noch zu rechter Zeit Hilfe erschienen und sie waren geborgen. Aber auch ihm hatte Gott den Ausgang gesegnet; und es ist auch ein Märtyrertod, wenn ein Hausvater fällt, der das Leben und die Ehre der Seinen zu schirmen sucht.

Endlich zogen die Reiter ab; sie eilten, daß sie wieder zu ihrem Regiment in Haselach kamen, ehe der Abend völlig hereinbrach.

So waren durch einen Schlag zwei Pläne vernichtet, sowohl der des Soldaten als auch der des neuen Schulmeisters. Denn so lange das fremde Volk die Gewalt im Lande hatte, durfte dieser sich nicht sehen lassen, das wurde ihm sogleich klar. Wenn ihn die Soldaten auch nicht gesehen hatten, ihn also nicht kannten, so ist doch in solchen Zeiten fast niemand vor irgend einem elenden Verräther sicher.

Bis zum Abend saß Lud bald unter der großen Eiche, bald gieng er auf und ab und sinnelirte über seine Lage; es wollte sich eben kein anderer Ausweg finden lassen, als daß er sich über den Rhein flüchte und in das Heer des Mansfelders eintrete; denn unthätig konnte er nicht zusehen, wie seine liebe Heimath verwüstet wurde. Scheiden und meiden thut weh und kostete ihn freilich einen Kampf, aber es mußte sein, Nun fiel ihm auch das Wort des Kurfürsten bei, das sein Vater manchmal wieder erzählt hattet „wenn der Bube nur einmal bei Kurpfalz ein rechter Reitersmann wird.“ Reiterlud war er ja seitdem geheißen, und den Namen, den er zum Schimpf erhalten hatte, wollte er mit Glimpf tragen und zu Ehren bringen.

Der Vater war wohl betroffen, als er selbigen Abends den Sohn an dem verabredeten Platz fand und dieser ihm sein Vorhaben mittheilte; doch wußte er selbst nichts besseres zu rathen. Mit schwerem Herzen ließ er ihn ziehen. Er gab ihm noch manch väterlich Wort mit auf den Weg, wie er sich stets nach Gottes Wort solle halten und zu keinem Greuel mithelfen, ingleichen wie er seinem himmlischen und seinem irdischen Herrn solle treu und gehorsam verbleiben. Nachdem dem Vater noch Grüße an Mutter und Geschwister, vorab an Lisbeth, aufgetragen waren, und beide sich oftmals geherzet hatten, schied der Vater. Lud nützte die Stunden der Nacht und kam glücklich über den Rhein.

Als der Vater heimkam und die Nachricht brachte, da wollte sich die Mutter nicht trösten lassen. „Ach, wann ich in doch nor noch een eenzig Mol hätt sehne unn herze könne,“ klagte sie; ,,awwer so isch’s zu hart!“ Lisbeth barg den Schmerz mehr im Herzen und weinte sich oftmals in der Stille recht aus. Sie hatte er noch ganz besonders beim Scheiden der Mutter aus die Seele binden lassen, und dieser war es ein rechter Trost, an Lisbeth eine Seele zu haben, mit der sie von ihrem fernen Kind reden konnte, wie's ihr ums Herz war.

 

3. Die Ueberraschung.

In ritterlichen Kriegeszügen
Das Herz im Leib mir lacht,
Und wenn die Fahnen im Feld her fliegen
Und manch Karthaune kracht,
Dann streit ich stark mit meinem Gott
Für mein lieb Vaterland,
Der mich verläßt in keiner Noth,
Frisch brauch ich meine Hand.

 

Dann schließ ich meinen Helmen zu,
Leg ein den scharfen Speer,
Mein’n Widerpart erwarten thu,
Wenn er rennt ans mich her.
Mein Schwert ist blank, mein Büchs gelöst,
Mein Roß steigt frisch hinan,
Mein Schwert den Feind zur Erde stößt, —
Gut Sache stärkt den Mann.

 

HErr Christ, stärk alle Rittersleut,
Die mit Gewissen gut
Dein Wort zu ehren sind bereit,
Zu sterben aus freiem Muth.
Unrechtem Krieg gewaltig wehr,
Der eigen Nutz und Macht
Mehr sucht als Deines Namens Ehr:
Draus sei es frisch gewagt!

 

Die letzten Töne dieses alten Reiterliedes waren kaum verhallt, als der Sänger, ein junger Kornet in schwedischer Uniform, am Saum des Waldes erschien, durch den die Straße von Frankenthal gen Speyer hinzieht. Die Stelle war eine jener Buchten, die dort so oft in den Wald einschneiden, gegen das Gebirg hin offen und gegen den Rhein zu von einem Gehölz umgeben; an dem Bach, der vorbeifloß, stand ein zerfallener Schuppen, die „Rehhütte“ genannt, weil vor dem Krieg hier die Rehe des Reviers ihr Winterfutter erhielten.

Es war ein kalter Dezembermorgen und der Reif hatte sich so dicht um die Nadeln und Zweige der Föhren gelegt, daß weithin der Wald von den ersten Strahlen der Morgensonne ganz feenhaft glitzerte. Nicht weit von jener Hütte brannten die letzten Reste eines Wachtfeuers, und ein Trupp schwedischer Reiter stand in die Mäntel gehüllt dabei, ein jeder das gesattelte Pferd am Zaum haltend. Sie gehörten als vorgeschobener Posten zu einem größeren Streifkorps, welches diesen Morgen von Frankenthal nach Speyer rücken sollte; denn die Bürger hatten heimlich Botschaft geschickt, daß sie die Stadt übergeben wollten. Gustav Adolf war nämlich am 7. Dezember 1632 über den Rhein gegangen, um die Pfalz von dem spanischen Volk rein zu fegen. Die Speyerer hatten früher ihre Thore wirklich den Spaniern geöffnet, waren aber nun der Schinderei, die sie trotz ihrer Bereitwilligkeit von ihnen erfahren mußten, herzlich müde.

Der Kornet, aus dem pfälzischen Geschlecht derer von Fleckenstein, war mit vielen pfälzischen Rittern in das Heer des Schwedenkönigs getreten, als dieser erklärt hatte, er wolle sich der Sache des geächteten Kurfürsten annehmen. Er kam von der nahen Landstraße herüber geritten, wo er den Befehl seines Obersten empfangen hatte, mit seiner Mannschaft rechts von der Straße abzubiegen und den Weg, so von Speyer nach Neustadt führt, zu besetzen, um die kleine spanische Besatzung jener Stadt, wenn sie sich etwa nach dem Thal zurückziehen sollte, aufzufangen.

Nicht weit von der Stelle, wo er ans dem Wald gekommen war, erwartete ihn einer der Reiter.

Dieser hatte auf das Lied gehorcht und hob nun an: „Ja wohl, gnädiger Herr, unser Sach ist gut, denn es gilt das gute Recht unsers evangelischen Glaubens und unsers Herrn, des Kurfürsten. Aber ’s Herz thut mir weh, wenn ich so über die Ebene dahin schau bis an die Haardt. Wie ist dieser Garten Gottes verwüstet, seitdem ich aus meinem lieben Vaterland hab’ müssen weichen!“

„Nun, Wachtmeister,“ entgegnete der Offizier, ,,laß Er sich jetzt das Herz nicht weich machen. Will's Gott, so schlagen wir die Hispanier zum Land hinaus, und man wird aucb wieder von Saat und Ernte bei uns hören. Denn die Pfalz nicht zu verderben ist, haben die Alten gesagt, und hat sich schon oft bestätigt. Das fremde Volk scheint schon im völligen Rückzug zu sein, und wir dürfen uns nicht säumen, wenn wir ihnen mit unsern guten Klingen noch einen Laufpaß oder Denkzettel schreiben wollen.“

Unterdeß waren sie der Mannschaft nahe gekommen, und indem der Kornet im Vorrüberreiten noch einen musternden Blick über die Gruppe hingleiten ließ, rief er dem Wachtmeister zu: „Zickramfft, laß Er aufsitzen!“

Dieser Befehl war schnell vollzogen, und die Schaar ritt am Rand des Waldes hin, bis sie auf die Weisung des Wachtmeisters, welcher in der ihm bekannten Gegend den Führer machte, vor Schifferstadt in einen Hochwald einlenkten, aus dem sie auf die sogenannte ,,Ganerb“ kamen, einen schmalen Wiesenstrich, welcher sich durch den großen Wald bis zum Gebirg hinaufzieht und zwischen Speyer und Ugelheim von dem Wege nach Neustadt durchschnitten wird.

Wir lassen sie reiten und eilen voraus, um uns in der Heimath des Wachtmeisters ein wenig zuvor schon umzusehen; denn es war kein anderer, als der Reiterlud von Ugelheim.

Nach jenem schweren Tage der Flucht hatte es nicht mehr lange gedauert, so war die ganze Pfalz in den Händen der Feinde. Ein zwiefaches Joch brachten sie, da mit den Feinden des Landes auch die Feinde des Glaubens kamen, ein Doppelheer von spanischen Soldaten und päpstlicher Miliz, nämlich Jesuiten, Kapuziner und Franziskaner. Sie sollten die Pfalz wieder papistisch machen. Wie aller Orten, so wurde auch zu Ugelheim der reformirte Pfarrer mit Gewalt vertrieben und die Herren Patres gewannen freien Raum zu manövriren.

Dem ersten Priester war es in Ugelheim nicht geglückt, und er war bald wieder abgezogen. Ein Jesuit aus der rechten Schmiede, Arnoldus Murrenhauer aus Köln, war ihm nach etlichen Jahren gefolgt und hatte es mit List versucht, indem er die reformirte Ordnung der Aeltesten und Diakonen beibehielt. Manche ließen sich berücken. Andere traten aus Furcht über, da er immer mit dem spanischen Oberst in Burg Haselach drohte. Daneben fand er von den muthigsten Bürgern einen kräftigen Widerstand, dessen Seele der alte Haus Zickramfft war. Eines Sonntags hatte der Pater die Kanzel bestiegen und folgende Verkündigung, die sich noch von seiner Hand in dem alten Konventsbuch der Gemeinde findet, abgelesen:

„Weill viell ahn gutter Christlicher Zucht vnd
„Erbarkeit gelegen, Ja auch der weisse Mahn Jesus
„Syrach sagt: die forcht Gottes ist ein Ahnfang aller
„weißheit, darbeneben auch der Alte Tobias seinen
„Sohn den Jungen tobiam gelehret, daß Almoßgeben,
„betten vnd fasten die Sünden vertilliget, haben ich
„es für ein sehr nottiges werckh erkandt, mit fleis;
„darahn zu seyn, daß solche Christliche Zucht vnd Er-
„barkeit, Freidt vnd einigkeit, ia auch der Catolischer
„Kirchen gehorsam in euch allen Jungen vnd alten,
„Frawen vnd mahn, mögte fordtgepflantzet werden.
„Und darbeneben, weill etlich sich noch nicht lassen
„sehen in der Kirchen, auch euch zimlich in der An-
„dacht vnd Kirchen ceremonien zu unterweissen, als
„das heylige Creutz zu machen, nidter Knien beim
„ampt der heytigen Messenn, sonderlich vnd der Ele-
„vation des hochw. h. Sacrament, Auch in dem
„Christlichem Catolischem Kirchengesangh, da nur et-
„liche Naßweissen ihren neben Christenn In diessem
„verlachen vnd verscheimffen, Damit diß nicht mehr
„möge geschehen vud eine gleicheit in dem kirchen-
„gangh vnnd Christlichen Catholischen kirchen cer-
„monien mögte gehalten werdenn, sind zu fleißigen
„Auffmerckern ahngefaßt die Ehrsame vnd Fromme,
„Fraus Zichener im oberdorff vnd Hans Scheuning
„in der Bauschgassen, welche obacht haben, daß Nie-
„mandt ohne erhebliche vhrsach Sont- vnd heyligs
„Tagh den Gottes Dienst versaumet, bei einer straff
„Eines halben Kopstückh, gott der Allmechtiger gebe
„herzn seinen gottlichen Segen. Amen.“

Hans Zickramfft aber hatte darauf hin, eingedenk seines Amtes als Kirchenältester, die treuen Bürger insgeheim auf verschiedenen Wegen in den Wald kommen heißen, und haben sie manchmal da mit einander sich erbaut und den HErrn um Hilfe angerufen. Einzelne reformirte Pfarrer waren noch hin und her im Land verborgen und hielten zuweilen in dem Kirchlein eines abgelegenen Dörfchens das heilige Abendmahl mit den treuen Seelen, die davon Kenntniß hatten und aus weitem Umkreis bei der Nacht herzukamen. Von jenen Waldversammlungen hatte der Pater wohl gehört und seine „Auffmerckere“ zu eifrigem Nachforschen ermahnt; aber die „Waldbrüder“, wie sie hießen, wurden doch nie von jenen überrascht, da sie oft mit dem Platz wechselten und verschwiegen waren.

Auch hin und her in den Häusern kamen zuweilen ihrer zwei oder drei zusammen, besonders wenn sie im Winter wegen des Unwetters nicht zu ihren Waldkirchlein kommen konnten. Diese Zusammenkünfte glaubte nun der Pater eher hintertreiben zu können, und der Oberst zu Haselach hatte ihm schon zugesagt, daß er mit nächstem einen Theil seiner Soldaten den Widerspenstigen in die Häuser legen wolle, nur so die Zusammenkünfte zu verhindern und jene in die Kirche zu treiben.

Da wurden beide, der Oberst und der Pater, unangenehm überrascht von der Kunde, daß den Schweden der Uebergang über den Rhein gelungen sei. Pater Arnoldus hielt es für gerathen, mit dem hispanischen Oberst weiter zu ziehen, als dieser dazu Befehl erhielt, aus purer Anhänglichkeit an diesen Freund, wie er sagte. Die Ugelheimer meinten freilich, er fürchte sich vor den Schweden.

Es war der dritte Tag nach dem Abzug der Spanier und des Paters, als Vater Zickramfft in seinem Hof beschäftigt war; da hört er plötzlich lustiges Trompetengeschmetter, und die Gasse herauf lief es von Mund zu Mund: „Die Schwede sinn do! Drunne am Rothhaus halte se.“

Mit den Worten: „Gott sei’s gedankt!“ eilte Meister Hans sogleich in die Stube, um seiner kranken Frau die tröstliche Botschaft zu bringen. Der Kummer über den Verlust ihrer Kinder und die Angst um ihren Mann, der in beständiger Gefahr schwebte, hatten sie seit zwei Jahren aus das Krankenlager geworfen. Sie faltete die Hände und pries Gott unter Thränen.

Da schallte eiliger Hufschlag die Sandgasse herein und bald hielt der Wachtmeister im Hofe. Er sprang ab, band das Roß an den nächsten Pfosten und trat in die Stube. Wie guckten die alten Leute! Der Kriegsmann aber kann sich nicht hatten. „Vater! Mutter! kennt ihr euern Lud nicht mehr?“ Mit diesen Worten fiel er dem Vater um den Hals, und als er vor dem Bett der lieben Mutter kniete und diese ihm in die Augen schaute, da war es ihr wie einer Träumenden, und verwundert sprach sie: „Stehn dann die Dode-n-uff? Du bisch’s doch, mei liewes Kind! Sah (sag'), Lud, bischdes dann werklich ?“

„Wahrhaftig, liebe, gute Mutter, ich bin’s mit Leib und Seel. Gott sei gelobt und gedankt, daß ich Euch noch einmal sehen darf! Aber wie muß ich Euch finden?“ Und dem Kriegsmann liefen dabei die hellen Thränen über die gebräunten Wangen.

Eine Stunde war dem Wachtmeister zu weilen vergönnt. Da gab ein Wort das andere. Die Eltern hatten seit jenem verhängnißvollen Tage lange nichts von ihrem Lud gehört, bis Einer ans Meckenheim, der auch unter dem Mansfelder gedient hatte, heimkam und erzählte, der Reiterlud von Ugelheim sei in einem Treffen neben ihm erschossen worden. Der Mann hatte nicht gelogen; denn Lud war wirklich schwer verwundet worden und als todt auf dem Platze liegen geblieben. Von Bauersleuten aus der Nähe aufgefunden und verpflegt, war er mit Gottes Hilfe wieder genesen und seinem Regimente dann nachgezogen, das der Meckenheimer inzwischen verlassen hatte. Auf den Streifzügen seines Feldherrn war er manchmal nicht weit von seiner Heimath vorbeigekommen, aber nie hatte sich’s geben wollen, daß er seine Eltern auch nur auf einen Augenblick hätte sehen können. Seit einem halben Jahre war sein Oberst mit dem ganzen Regiment zu den Schweden gestoßen.

Als Lud nach den Geschwistern fragte, wurden die Wunden der Mutter frisch aufgerissen. Den einen Bruder hatte das fremde Volk fortgeschleppt, er mußte mit seines Vaters Pferden einen Fouragewagen transportiren und kam nicht wieder; und weiß Niemand, was aus ihm geworden ist. Den andern hatte die „bös Kränk“, eine in jenen Kriegszeiten herrschende Seuche, weggerafft, und die einzige Schwester war „in der Neustadt“ in Dienst getreten.

„Aber die Lisbeth —- wo ist sie?“ Der Wachtmeister hatte sich schon vergebens nach ihr umgesehen, und als er nun fragte, schwiegen die beiden Alten.

„Er muß es jo doch wisse,“ hob der Vater endlich an, als Lud nochmals dringend fragte. „Uff die Nochricht vnnn deim Dod unn weil ’r ehr Motter bot gar kee Rug gelosse, hot se ’s Scheipe Frieder geheiert. 's isch ’r hart genunk a’kumme, der ahrme Mähd; unn se hot noch deckmols dernoch bei uns driwwer gegreint, aß se ’s gedohn hot.“

Das war ein Schlag für das Herz des Reiterlud, denn er war seiner Lisbeth unverbrüchlich treu geblieben.

Er hatte sich kaum recht gefaßt und die Stunde war noch lange nicht herum, als ein Reiter ansprengte und Befehl vom Kornet brachte, der Wachtmeister solle sogleich aufsitzen, da sie nach Speyer abreiten müßten. Wie klammerte sich die arme Mutter an ihr Kind, das sie eben erst von den Todten genommen und so bald schon wieder sollte dahin geben! Aber die Pflicht rief, und Lud riß sich mit Gewalt los.

Als er vor dem Rathhaus ankam, winkten ihm aus dem Haufen der versammelten Dörfler viel Hände zu, und manch herzliches „Grüß Gott, Lud!“ tönte ihm entgegen; denn sie hatten unterdeß erfahren, wer der stattliche Reitersmann sei. Rechts und links mußte der Wachtmeister noch im Anreiten die Hand reichen, und er that es so freundlich, als er nur immer konnte; denn die Traurigkeit preßte ihm das Herz zusammen.

Ein Eilbote war von Speyer gekommen, der die Schaar dahin berief , da die Spanier sich gen Germersheim zurückgezogen hatten. Von da ging es immer weiter, dem Feinde nach, und dann wieder über den Rhein zurück gegen die Kaiserlichen.

 

4. Dorfleben.

Noch manchen Zug hatte der Lud mitgemacht, noch manche Schlacht hatte er mitgeschlagen in den langen Kriegsjahren, die noch folgten. Er sollte nicht eher zur Ruhe kommen, als bis in alle Gauen des armen zertretenen Vaterlandes die Boten ausgehen durften, von denen es in der Schrift heißt: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die den Frieden verkündigen.“ Als nach dem Abschluß des westfälischen Friedens die Heere entlassen wurden, kehrte auch der Reiterlud heim. Es war hohe Zeit, daß sein Dienst ein Ende nahm, denn die Strapazen des langwierigen Krieges hatten ihn recht mitgenommen, und manche ehrenvolle Narbe zeugte dafür, daß er, wo es galt, nicht hinter der Fronte geblieben war.

In der Heimath fand er ein verödetes Dorf wieder. Von seinen Bekannten waren wenig übrig geblieben; und von den Häusern standen die meisten leer und waren ganz durchlöchert oder zerfallen. Von den Seinigen traf er nur die Schwester am Leben, welche sich spät noch verheirathet und als Wittwe nun für zwei Waislein zu sorgen hatte. Zu ihr zog er und nahm sich des Hauswesens und der Feldwirthschaft mit allem Eifer an.Sein Kriegsroß, das er sich erbeutet, das ihn in die letzten Schlachten und nun zum Frieden heim getragen, theilte die Verwandlung seines Herrn und ward zum Ackergaul.

Die liebste Beschäftigung wurde ihm der Umgang mit Kindern; der Wachtmeister hatte doch den Schulmeister nicht ganz verdrängen können. Das war für ihn eine herrliche Erquickung, wenn er an einem Sonntag Nachmittag mit den Kindern seiner Schwester und dem spät gebotenen Töchterlein der Lisbeth, welche auch noch lebte, konnte hinaus in den Wald gehen. Oder er nahm sie in der Woche mit, wenn er wie früher für den Hausbrand sorgte; denn er schämte sich keiner Arbeit des Friedens, ob er gleich im Krieg ein Herr Wachtmeister gewesen und früher schier einmal ein Herr Schulmeister geworden wäre. Die Kinder drängten sich zu ihm, wo er ging und stand, denn der ,,Vetter Lud“, wie sie alle ihn hießen, wußte gar zu schöne Geschichten zu erzählen.

Gingen sie auch einmal mit ihm in den Wald, eines Sonntags nach der Kinderlehre. Es war in den ersten Frühlingstagen und in den Bäumen fing’s schon an sich zu regen. Ueberall drängten sich an den Spitzen der Zweige die grünen Köpflein hervor und warteten nur auf einen warmen Regen, daß sie gar herausschlupfen möchten, und die Vöglein probirten ihren Osterchor. Da trafen sie auf dem Heimweg einen Vogelfänger, wie es deren von jeher in Ugelheim viele gibt, der hatte sein Netz unter einem Busch aufgestellt, und lag nicht weit davon auf der Lauer.

„Schämst dich nicht,“ redete ihn der Reiterlud an, „daß du auch den Feiertag zu diesem Geschäft noch nehmen thust? Gelt, du kannst in sechs Tagen nicht genug kriegen, und doch fängst du so viel Vögel, daß man meinen sollte, unser Herrgott wollt’ wieder einen Noahskasten bauen lassen, und du hätt’st mit ihm einen Akkord gemacht, die Vögel hinein zu liefern!“

Der Angeredete vertheidigte sich mit der gewöhnlichen Entschuldigung: „Was; will m’r halt mache, wammer ahrem isch. Du kennscht jo sell Sprichwort, Lud: in Uglem wäß der Zeh’t net, wie sieh der Elft ernährt, vorab in so harte Zeide.“

„Aber mit allem Vogelfang bleibst du ein armer Kerl, weil’s einmal keine Arbeit ist für einen kräftigen Mann, sondern pure Faullenzerei, und für’s ander der Segen Gottes nicht dabei ist, und zum dritten schändest du den Sabbathtag damit. Mein Rath wär’, du solltest deinen Sack anders anhängen.“

Nach solcher gut gemeinten Lektion an den Vogelfänger ging er mit seinen Kindern weiter.

„Vetter Lud,“ fing nun das kleine Mägdlein der Lisbeth an, „wir hot’s dann der Noah a’g’stellt, aß er all deß veel Gediers hot in de Kaschte nei brocht? Der muß emol veel Vochelfänger gebraucht hawwe!“

„Ei freilich,“ antwortete der Alte, „hat er die gebraucht, “aber der liebe Gott selber hat sie ihm alle gestellt. Denn als die Zeit kam, da der Kasten fertig war, da sandte Gott seine Engel je zween und zween, daß sie herbeiführten allerlei Thier von allem Fleisch, je ein Paar, ein Männlein und ein Fräulein, daß sie lebendig blieben bei Noah. Die lieben Engel sind allzumal dienstbare Geister und bereit, ihres HErrn Willen auszuführen. Sie haben mancherlei dabei erfahren, denn nicht alle Thiere sind gern mitgegangen.

„Kamen der Engel zwei an jenem Tage durch’s Feld daher, so saß der Hase Lampe bei einer Hecke und klagte seinem Weibe gar beweglich:

„„Ich armer Has, wie bin ich blaß!
Geh dem Bauer nicht mehr in’s Gras,
Geh’ dem Bauer nicht mehr in’s Kraut,
Muß bezahlen mit meiner Haut.
Wenn das aber so soll sein,
Mag der Kukuk ein Häslein sein.““

„Und Frau Lampe stimmte in die Klage ihres Gemahls also ein:

„„Kommt nun gar der Waidemann,
Hetzt die Hunde auf mich an:
Wenn das Windspiel mich erschnappt
Und der Jäger mich ertappt?
Wenn ich an mein Schicksal denk’,
Thut es mich von“Herzen kränk’.““ —

„„Nun, dann kommt mit,““ riefen die beiden Engel, „„und ihr sollt wohl versorgt werden.““ Wie fröhlich wurden da die beiden Häslein und sprangen mit zu dem Kasten.

„Eine Ackerlänge weiter setzte ein gejagtes Reh ganz scheu über einen Graben, als zwei der Engel des Weges kamen, und es wäre schier vor ihnen umgekehrt, wenn  sie ihm nicht noch freundlich zugewinkt hätten. „„Ach, ich muß sein ein verschüchtertes Reh,““ klagte das Thierlein und ließ sich willig unter das schützende Dach führen.

„Zwei andere kamen an einem dürren Baum vorüber, darauf saß ein Käuzlein und sang:

„Ich armes Käuzlein kleine,
Wo soll ich fliegen aus?
Bei Nacht so gar alleine
Bringt mir so manchen Graus;
Das macht der Eulen Ungestalt,
Ihr Trauern mannigfalt.

 

„Die Kinder unten gläuben,
Ich deute Böses an;
Sie wollen mich vertreiben,
Daß ich nicht schreien kann.
Wenn ich was deute, ist mir’s leid,
Und was ich schrei, ist keine Freud.

 

,,„Mein Ast ist mir entwichen,
Darauf ich ruhen wollt’,
Die Blättlein all’ erblichen,
Frau Nachtigall geholt.
Das macht der Eulen falsche Tück’,
Die stören all mein Glück.““

„„Es meinen doch so Viele,““ sprachen da die lieben Engel zum Kanzlein, „„du rufest: komm mit! komm mit! — jetzt soll einmal dir dieser Ruf gelten. Komm mit uns, du sollst nicht mehr allein sein und von der Eule nichts zu fürchten haben.““ Und das Käuzlein ward also getröstet über seinem Leid.

„Aber bei den wenigsten Thieren fanden die Engel so willige Anfnahme; die meisten waren gleichgiltig oder wollten widerstreben.

„Hätt’ man sich denken sollen von der armen Maus, dem Weibe des Bettelmanns? Die wurde ordentlich spitzig und sagte: „„Mir gefällt’s justement so, wie ich’s hab’. Häng’ ich alle Tag den Bettelsack um, so bring’ ich genug auf und hab’ dabei meine Freiheit.““

„Herr Reichert der Bär wollte sich gerad’ in seinem Winterhaus einrichten und gab zur Antwort: „„Ich bin reich und habe gar satt und darf nichts. Mein eigenes Fett reicht für diesen Winter und auf der Bärenhaut ruht sich’s gar gut. Ich kann mir’s nicht besser wünschen.““

„Herr Ruhlieb der Dachs war schon eingeschlafen in seiner Höhle. Einer der Engel berührte ihn mit seinem goldenen Wanderstab, daß er aufwachte Als er den Befehl seines Schöpfers vernommen, wurde er grob und fagte: „„Laß mich schlafen und geh’ deines Wegs, du Störenfried!““ Es half nichts, daß der Engel ihm sagte, er werde elendiglich in der Fluth ersaufen, wenn er nicht mitgehe. Der Dachs legte sich aufs andere Ohr und gab gar keine Antwort mehr.

„Der Hamster Scharrhans war nicht williger. Der kam mit vollen Backentaschen daher gelaufen und sein Weib deßgleichen hinter ihm drein. „„Komm mit,““ sagten die Engel, „„der HErr läßt dich rufen!““ — „„Hab’ keine Zeit, hab’ keine Zeit,“““ war die Antwort. „„Meine Vorrathshäuser sind noch nicht voll. Die Ernte könnte mir verderben, und ich müßte mit Weib und Kindern des Hungers sterben.““

So erzählte der Reiterlud. Da lief plötzlich ein Fuchs über den Weg und die Kinder riefen ein lautes „ßa! ßa!“ ihm nach.

„Dem sein Urahn, der Herr Reinecke Lecker, hat's auch nicht besser gemacht,“ fuhr der Reiterlud in seiner Erzählung fort. „Der hat gemeint, er könne sich nicht so einsperren und einschränken lassen, sondern wolle seinen freien Paß haben. Auch müsse er alle Tage ein Hühnlein oder deß etwas zu verspeisen haben, und ginge Niemand was an, wie er dazu käme. Aber er mußte mit.

„So.haben die lieben Engel manche Grobheit einstecken müssen und manchen Uz bekommen für ihren Dienst, bei dem sie doch ihres HErrn Befehl haben ausgerichtet und es so treu gemeint mit dem unverständigen Gethier. Die leichtsinnigen Atzeln die Ballfräulein unter den Vögeln, schäckerten weiter, als die Engel ihre Botschaft angefagt hatten; denn sie hielten sich für zu gescheit, als daß sie glauben sollten, die Welt könne untergehen. Sie wollten das Leben genießen, meinten sie, und mit solchen trübseligen Gedanken solle man ihnen fern bleiben. — Ein Haufen nichtsnutziger Spatzen empfing die Engel mit spöttischem Geschrei. Kerle wie Sonntagsschüler. Sie waren kaum hinter den Ohren trocken und aus dem Nest geschlüpft, so wollten sich die frechen Dinger schon nichts mehr sagen lassen, und die Schimpfworte floßen ihnen nur so vom Schnabel.

„„Aber deßwegen kamen doch von allerlei Thier die Pärlein in den Kasten: waren’s die Einen nicht, so waren’s Andere.

„Zuetzt kamen noch zwei Engel auf der Rückkehr durch einen Wald und fanden da unter einem hohen Baum einen jungen Raben, den die Rabenmutter aus dem Nest geworfen. Der krächzte gar jämmerlich und wollte schier verschmachten. Da hoben ihn die barmherzigen Engel auf und brachten ihn als den einzigen überzähligen Gast in den Kasten Noahs. Denn sie dachten, der das Schreien der jungen Raben hört, werde es wohl erlauben. Hier fehlte es dem Rabensöhnlein an keinem Ding und er äzte sich weidlich. Als nun das Jahr um war und die Gewässer fielen, da sollte er seinen Dank abstatten, zumal er als blinder Passagier war mitgefahren. Aber es fiel schlecht aus. Weil er sich sonst so klug anstellte, ließ ihn Vater Noah zuerst ausstiegen, daß er Kundschaft bringe über den Stand des Feindes, ich meine der Wasserfluth. Er aber zog dem Aas nach und ließ den Herbergsvater vergeblich auf seine Rückkehr warten. Der Rabe soll vorher weiß gewesen sein, und um seines Undanks willen von da an schwarz geworden sein, wie es seine Kinder noch sind. Derhalben redet man von einem schwarzen Undank bis auf diesen Tag. Kinder, denket an den schwarzen Raben, der vormals ist weiß gewesen, und hütet euch vor dem Undank!“

Der Erzähler schwieg.

„Ach, Vetter Lud, verzehle noch weider!“ bestürmten ihn die Kinder. Er aber vertröstete sie auf ein andermal.

„Awwer gucke, Vetter Lud,“ bat die kleine Lisbeth, das Ebenbild ihrer Mutter, „nor deß Eent sollen ehr uns noch sahe, wie isch dann der Vatter Noah met all dem veele Vieh fertig worre? Er hot’s doch misse fiedere nun versorje, unn sinn ehrer jo nor acht Mensche gewest!“ Dabei streichelte sie ihm so zutraulich die Hand und sah so treuherzig an ihm hinauf, daß er nicht widerstehen konnte.

„Nun, das ist gleich gesagt, kleine Schmeichelkatz,“ antwortete der Reiterlud schmunzelnd und die Kleine fester bei der Hand fassend. „Allein hat’s der Noah mit den Seinen freilich nicht prästiren können, denn das wißt ihr ja auch, Kinder, daß unser eins, wenn es auch nur ein paar Stücklein Vieh im Stall hat, alle Hände voll zu thun hat den Tag über mit Zurichten und Füttern, daß fast kein Fertigwerden ist. Da haben eben die lieben Engel wieder dran gemußt, welche einen gar großen und wunderlichen Beruf haben. Sie sind des allmächtigen Gottes oberste Kämmerer und Trabanten, und doch auch können sie auf seinen Befehl des allergeringsten Mannes Leibdiener und Handlanger sein. Auch jedes von euch Kindern ist ihrem Schutz befohlen, daß sie euch behüten auf allen euren Wegen und euch auf ihren Händen tragen, daß ihr keinen Fuß an einen Stoß stoßet, — versteht sich, wenn ihr fromm seid. Denn die Engel sehen auf all euer Thun und sehen auch das Angesicht Gottes, vor dem sie stehen und dem sie von euch erzählen müssen. Von den gottlosen Kindern aber weichen sie und weinen. Lisbethlein, bet’ mir einmal deinen Engelspruch auf!“

Und das Kind sprach im Gehen mit gefalteten Händen:

„Abends wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei die mich decken,
Zwei die mich wecken,
Zwei die mich weisen
In das himmlische Paradeise.“

Das war so des Reiterlud's Art, mit Kindern umzugehen, und in den Geschichten, die er ihnen erzählte, lag immer noch ein Kern, den sie wohl jetzt nicht herauskriegten, der ihnen aber später noch zu gut kommen konnte.

Auch bei den Alten stand er in großem Ansehen. Wer Rath oder Trost bedurfte, nahm seine Zuflucht zu ihm, und oft wirkte ein Wort von ihm unter vier Augen mehr als eine ganze Predigt des Pfarrers von der Kanzel. Es heißt: „Wer nichts aus sich macht, wird ausgelacht.“ Der Lud aber strafte dieß Sprichwort, das sonst leider wahr ist, für seine Person Lügen. Denn er war nicht so thöricht, daß er die großen Sporen, die er von seinen Reiterstiefeln losgeschnallt, sich in den Kopf gesetzt hatte. Aber er hatte viel Erkenntniß aus Gottes Wort, manches gute Buch beim alten Schulmeister gelesen und eine reiche Erfahrung. Das haben die Nachbarn respektirt, zumal sie auch sonst manchen Gewinn davon hatten.

Auf Sonntag Oculi mußte einmal der Pfarrherr in’s Konventsbuch notiren:

„Ist Seipel Hans Philipp erschienen vnd ver-
„manet, das er doch wolle besser seine kinder ziehen,
„denn sie dem Fürster etwas vom Binengeredt (Bie-
„nengeräthe) genommen, welches sie haben wider müs-
„sen geben vnd auch zuvorn geelruben gestolen, darum
„sie vorbescheiden worden. Er hatt sich wollen ent-
„schuldigen, er habe nicht drum gewißt, er wolle aber
„dapper (tapfer) drauff streichen.“

Der kam einige Zeit darauf zum Reiterlud und klagte ihm, was er für eine Last mit seinen Buben habe und wie er sie schon blitzeblau geschlagen hatte, aber mit allen Schlägen von der Welt könne er sie nicht auf einen andern Weg bringen.

„Das glaub’ ich dir,“ meinte der Lud; „du fängst’s eben nicht recht an. Es ist ein Feind in deinen Kindern, Hansphilp, den du hinaustreiben sollst. Da kannst du vom großen Schwedenkönig lernen, der ist gewiß ein Held gewesen wie Einer. Und wahrlich, wir Reiter haben nicht schlecht dreingeschlagen, wenn wir einmal sind augesprengt. Aber darauf allein hat er sich nicht verlassen. Ehe es zur Schlacht ging, hat er sich in seinem Zelt allein gestärkt ans Gottes Wort, dann ist er mit seinem ganzen Heer unter freiem Himmel niedergekniet und hat laut gebetet. Daraus hat er denn das Meiste gehalten, wie auch sein Leibsprüchlein war: Je mehr Betens, je mehr Sieg. Bet’ mehr für deine Kinder und mit ihnen, so wirst du schon sehen, daß es anders wird, und sind Schläge nöthig, so wird sie dann Gott auch segnen. Aber das Schwert hat’s bei uns nicht allein thun können, sintemal die Kaiserlichen auch tapfer waren und oft stärker an Zahl denn wir. So kannst du auch mit dem Stock allein nichts ausrichten gegen den bösen Feind in deinen Kindern.“ —

Item, begegnete ihm einmal des Grundelschneiders Frau und klagte, wie sie keine gute Stunde bei ihrem Mann hätte, wenn er daheim wäre, wie er dem Trunk nachgebe und sie viele Streiche von ihm bekomme.

„Evegreth,“ erwiederte der Reiterlud, ,,zween harte Stein’ mahlen selten rein. Du bist spitzig und dein Mann nicht witzig, aber hitzig. Gib ihm lieber gute Wort’, die schaden nie was, und sind allweg besser als böse. Sei freundlich, und mein’ nicht immer, du müßt ’s letzt Wort haben. Für jetzt aber merk’ dir das Sprüchel:

Schweig, leid, meid und vertrag,
Deine Noth Niemand klag,
An Gott nicht verzag,
So kommt deine Hilf alle Tag.

Fängt er an zu haseliren, so schweig; denn deine Zung’ ist spitzig. Kommt er trunken heim, so meid’ ihn; kannst du ihm aber nicht ans dem Weg gehen, so leid’ und vertrag’, das wird am Ende doch sein Gewissen schlagen. Ist er nüchtern worden, magst du ihm Vorstellungen machen. Deine Noth Niemand klag’, denn die Menschen können dir doch nicht helfen, und ihrer Viele haben nur ihren Spott damit. Aber an Gott nicht verzag’; denn Er kann die Herzen lenken wie Wasserbäche, und wenn Er einmal deinem Jörgmichel den Durst nach dem rechten Lebenswasser erweckt hat, wird der von selber der Völlerei absagen. Schütte dein Herz aus vor deinem Gott. Probir's recht, und deine Hilfe kann mit jedem Tag kommen.“

Der Reiterlud hatte einen „ganz besonders“ guten Freund oder ,,Spezel“ (Spezials, wie er ihn nannte, an dem alten Gilgenmatz. Eigentlich hieß derselbe Matthäus Schwend und war bürtig aus Schwaben. Nachdem er als Söldner im Heere Friedrichs V. bei der Schlacht am weißen Berge invalid geworden war, hatte er sich in Hoffnung besseren Durchkommens in die Pfalz zurückgezogen und wohnte nun auf dem St. Gilgenhof bei Ugelheim. Im Sommer sahen sich die beiden Kameraden nie, außer Sonntags vor der Kirche unter den Linden; denn in der Zeit hatte jeder vollauf zu thun, vorab der Stelzfuß auf St. Gilgen. Aber wenn einmal der Schnee unter den Füßen krachte, dann wollte dem Alten die wochenlange Einsamkeit auf seinem Hof mitten im Walde nicht behagen; er kam dann fleißig in’s Dorf herein, und blieb oft bis spät am Abend in der Spinnstube, die des Reiterlud Schwester hielt. Die Weiber drehten ihre Spindeln und die Männer flochten Körbe oder banden Besen. Der Gilgenmatz hatte sein gewöhnlich Plätzchen in einer Ecke der Bank, welche um den großen irdenen Kachelofen sich herumzog; wohl lag auch Einer oder der Andere oben auf der Decke des vierschrötigen Ofens. Wenn drinnen das Eichenholz knallte und der Kienspahn in der Mauernische flackerte, dann war es gar heimelig in der Stube, so daß oft dem Matz der Aufbruch nicht so bald gelingen wollte, als er sich vorgenommen hatte. Da wurde erzählt und gesungen und die Neuigkeiten des Dorfes besprochen.

Die Haupterzähler waren natürlich Reiterlud und Gilgenmatz, denn die beiden waren weit herumgekommen und hatten selber viel erlebt. Nicht selten mußte der Stelzfuß erzählen, wie er, damals noch auf zwei eigenen Füßen, mit dem Kurfürsten nach Böhmen hineingezogen sei. Da schilderte er die prachtvollen Anzüge der böhmischen Edelleute, die ihren neuen Herrn auf der Grenze begrüßten, und die mächtige Predigt, welche der Hofprediger Herr Seultetus darauf gethan über den zwanzigsten Psalm· „Aber wie es erst nach Prag, in die Königsstadt, hineinging, das war ein Leben! Alles Volk war vor den Thoren, und von nah und fern waren die Lehte in Schaaren herzugeströmt. Die Herren von der Regierung und die Landstände zogen dem König entgegen, und mit ihnen waren drei Fähnlein Reiter, alle in Blau und Weiß gekleidet, weil das des Kurfürsten Hausfarbe war. Vor dem Thore im Lustgarten „zum Sternen“ ward eine Mahlzeit eingenommen, und dann ging’s in hellen Haufen zur Stadt hinein. Voraus zogen vierhundert erlesene Böhmen, die sich selber „Vertheidiger Ziska’s“ hießen und die alte Hussitentracht anhatten. Darauf kamen böhmische Truppen und wir, das pfälzische Kriegsvolk. Der König und die Königin waren umgeben von etlichen Fürsten, vielen böhmischen Edeln und dem ganzen Hofstaat. Nun schloß sich die jauchzende Menge an; denn das muß ich sagen, unser leutseliger junger Herr gefiel ihnen über die Maßen von Stund an, da sie ihn sahen, und hatte er gleich Aller Herzen gewonnen. Drei Stunden währte es, bis alles Volk durch die Thore war eingezogen. Und erst die Krönung! Den Tag vergess’ ich in meinem Leben nicht; es war der 4. November 1619. Da hörte man gar nichts mehr vor dem Läuten der vielen Glocken und dem Schießen der Donnerbüchsen, und flunkerte Einem ganz vor den Augen über den vielen Zierrathen von Gold, Silber und Edelgestein, damit die Menge der Vornehmen sich zum Fest geschmückt hatte. Unter währender Krönung in der Kirche ging es außen auf dem großen Platz hoch her. Da wurde ein ganzer Sack voll Goldstücke unter das Volk ausgeworfen, und Wein und Gebratenes konnte man haben, so viel man wollte; nur Schade, mein’ Leibspeis', die guten Spätzle, sind nicht zu haben gewesen. Ja, das waren Tage; aber die Freud’ ist nur zu bald in Leid verkehret worden, und mein Stelzfuß weiß heut noch davon zu sagen.“

Wenn der Gilgenmatz so erzählte, da konnte sich’s nicht fehlen, daß der Reiterlud an einen Zug ganz anderer Art denken mußte, den er mit Friedrich V. gemacht hatte, und er gab die Geschichte jedesmal zum Besten, wenn’s ihm auch schwer fiel, aber sie ließen ihm keine Ruhe.

„Unser armer Herr, Gott hab’ ihn selig,“ begann er dann zu erzählen, “war endlich den schweren Mühsalen erlegen, die ihn verfolgten. Denn Kummer geht über Hunger. Die Schweden wurden aus der Pfalz verdrängt. Mein Kornet war von seinem Herrn Vater nach Frankenthal berufen, wo die Herren von der pfälzischen Regierung sich zum Rückzug rüsteten. Er nahm Urlaub und ich mußte ihn begleiten. Wie gern hätten sie die Stadt gehalten, denn sie hatten etwas Kostbares drin geborgen, den Leichnam des Kurfürsten, welcher noch nicht beerdigt war. Den durften sie nicht in die Hände des Feindes kommen lassen. Die Frau Kurfürstin wünschte, daß ihr Gemahl zu Sedan im Herzogthum Lothringen eine Ruhestätte finde unter reformirten Glaubensgenossen. Der Herzog Bernhard von Weimar rieth ab und sagte: „„Der gute Fürst hat in seinem Leben Unruhe und Last genug gehabt, ist genug herumgeworfen worden, hat überall, ohne ein Obdach zu finden, von einem Ort zum andern müssen wandern: soll er nun im Tode, der doch allen Menschen Ruhe gewährt, nicht einmal ein ruhig Plätzlein finden?““ — Aber wir nahmen den Sarg doch mit auf den Rückzug.4 In Saarbrück wurde Halt gemacht. Aber da konnten wir nicht bleiben. Wir kamen endlich nach Metz, und begehrten eine Ruhestätte für unsern Fürsten auf einem Gottesacker der Stadt. Aber der Bischof wehrte sich mit großem Eifer dagegen, dieweil es eines Ketzers Leiche und des Gottesackers Erde eine geweihete wäre. Und obgleich die Franzosen unsere Bundesgenossen waren, so mußte der Schultheiß der Stadt aus Furcht vor des Bischofs Macht uns ausbieten. Wir waren nur mehr unser Wenige, wo sollten wir uns hinwenden? Da sprach meines Herrn Vater, der kurfürstliche Rath von Fleckenstein: „„Wohlan, die Erde ist des HErrn überall, und wenn Er den Todten rufen wird am jüngsten Tag, wird unser geliebter Herr diesen Ruf auch hören in seinem verachteten Grabe.““ Es war ein stürmischer Tag, und der Regen goß in Strömen. Wir banden den Sarg zwischen zween Saumrossen fest, und zogen einem entlegenen Waldthale zu, wo wir unter einer großen Eiche am Abhang des Berges ein Grab geschaufelt und die Leiche unseres Herrn zur Ruhe bestattet haben. Die beiden Herren, die dabei waren, sind gestorben; wo der andere Reiter ist hingekommen, weiß ich nicht; und wenn ich heut sollte das Grab zeigen, und wenn mir ein ganzes Kurfürstenthum versprochen wäre, ich könnt’ es nimmer finden. So kann man auch von unserem Herrn selig sagen, was von Mose geschrieben ist: Und der HErr (denn Er war in unserer Mitte) begrub ihn im Thal, im Land der Moabiter, und hat Niemand sein Grab erfahren bis auf diesen Tag.“

So erzählte der Reiterlud. Dann stand der Gilgenmatz jedesmal auf, griff nach Stock und Pelzmütze und wünschte gute Nacht. Er ging still und in sich gekehrt seinem Hofe zu; im Geist sah er aber seinen Kurfürsten bald zur Krönung, bald zum Grabe ziehen.

 

5. Der Reiter auf dem fahlen Pferde.

Es war zu Anfang des Jahres 1666, als eine Frau vom Speyerer Wochenmarkt heim nach Ugelheim kam und erzählte: ,,E fahler Reider isch heint am helle Middah iwwer’s Galjefeld g’sprengt. Er war ganz geiferlich anßesehne, unn isch mer’s ämal iwwer’s anner eiskalt de Buckel nunnerg’loffe. Alles war erdefahl annem, der Gaul, ’m Reider sei Gesicht nun sei Mundur. Der Gaul hot met keem Fuß de Boddem a’gerehrt, unn der Reider hot an eem Stick meddere lange Gäschel5ganz wiedig in die Luft g’hage.“

Aller Herzen überfiel ein Schrecken, denn Niemand wußte sich diese sonderbare Erscheinung zu deuten, und die Frau ging sonst nicht mit Lügen um.

Als der Reiterlud von der Sache hörte, schüttelte er bedenklich den Kopf und sagte: „Behüt“ uns Gott der HErr! Hab’ viel Kriegsvölker gesehen von allerlei Nationen und Potentaten, aber so eine Montur trägt kein Regiment auf der Welt. Ich weiß nur Einen von der Farbe, und von dem siehet geschrieben in der Offenbarung St. Johannis am sechsten: Und ich sahe, und siehe, ein fahles Pferd; und der darauf saß, deß Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach; und ihnen ward Macht gegeben, zu tödten das vierte Theil auf Erden. — Das deutet auf Pestilenz und großes Sterben.“

Mag die Erscheinung wirklich stattgefunden haben oder eine bloße Täuschung bei jener Frau gewesen sein, es kam richtig die Pest, worauf es der Reiterlud gedeutet, in’s Land, ehe ein Vierteljahr vorüber war.

„Weeschte eppes Neies?“ rief eines Tages zu Ugelheim der Schmied-Tobies aus seiner Werkstatt unter dem Rathhaus seinem Nachbar und Gevatter an der Weed6 zu. „Unser Schulz Chrischtoffel Schönig isch vorgischter in Speyer an der Peschtelenz g’storwe, unn sei Fra hot ’n nor om eene Dah iwwerlebtz ’s solle die Erschte sei’, wo die bös’ Kränk kriekt (gekriegt) henn.“

„Do kammer die Hand Gottes sehne,“ erwiederte der Andere; „dann er hot vor seim bese Gewisse devonlafe welle. Er hot gemänt, wann er in die Stadt zum Lewenabedeker zieht, do kinnt ’m der Dod nix dohn, weil der sich ferchte mißt vor denne viele Bulwer unn Dränk in der Offezin, aß er gar net die Stieg ’nufferkummt unn a’kloppt, wo der reich Schulz vunn Uglem wohnt. Awwer gehe de Dod wachst kee Kraut unn isch noch kee Drank gebraut. Jetzunder hot er gar ’s allererscht dra’ gemißt. Gott erbarm sich iwwer sei ahrmi Seel; dann ’s isch schrecklich, in unserm Herrgott sei’ Hänn ße falle!“

Die Nachbarn brachen das Gespräch hier ab.

Der Schultheiß hatte wirklich Manches auf dem Gewissen gehabt. Als er Anno 1656 seine zweite Frau Katharina, eine Wittib, heirathete, merkte der Pfarrer in einem allerdings wunderlichen Latein, aber doch sehr verständlich, im Kirchenbuch noch besonders an:

„Zusamen geben gleich vf ein mitwochen“ (an
welchem Tage sonst keine Trauungen stattfanden) „anß
„befehl Eines hochlöbl. Ambts zur Neustatt certis ex
„causis (aus gewissen Gründen), wie die hochzeitleuthe
„können zeugen.“

Als sie ihm aber zu lange lebte, hatte er sie viel gequälet, bis sie am 10. Hornung 1666 gestorben war. Er aber hatte bald darauf, obgleich die Pest im Anzug war, ein junges Mägdlein geehelicht, auf das er schon lange ein Aug’ hatte. Und die Bauern wußten nicht wenig zu klagen über die Härte seines Regimentes und über das ungerechte Schuldbuch des Wucherers. Dem Reiterlud war er spinnefeind, weil dieser viel galt im Dorfe, er aber ein gar ehrgeiziger Mann war, dem jener keine Referenzen machte.

Auch Ugelheim wurde nicht lange nach dem Tode seines Schultheißen von dem bösen Gast heimgesucht. Anfangs waren es blos Einzelne, welche der Reiter auf dem fahlen Pferde abholte. Als aber die Hitze der Hundstage kam, häufte sich das Sterben, da war fast kein Haus, darin nicht ein Pestkranker oder etliche lagen. Der Schulmeister und der Todtengräber waren bei den ersten Leichen von der Seuche angesteckt und in’s Grab gelegt worden. Wer sollte sich jetzt der Todten annehmen ?

Da war es der Reiterlud, der sich ihrer erbarmte. Er war bereits ein Greis von drei und siebzig Jahren, aber das Alter hatte seine Gestalt noch nicht viel gebeugt. Hilfe konnte ihm Niemand leisten wegen der Krankheit, welche die Männer auf dem eigenen Bette oder an denen der Ihrigen festhielt. Der ihm hätte zur Hand gehen können, seiner Schwester Sohn Kasimir, war fern weg in den Diensten des Grafen von Leiningen, welcher mit dem Kurfürsten zugleich Herr des Dorfes Ugelheim war. Sein altes Schlachtroß, der Ackergaul, war endlich zum “blinne Geilche“ geworden, der einzige Gefährte seines Herrn in dessen neuem Amt. Des Abends rüstete dieser täglich ein breites Grab auf dem Gottesacker, und am andern Morgen in aller Frühe zog er mit seinem zweirädrigen Karren durch die Gassen des Dorfes und pochte an den Läden, ob etwa ein und der andre Todte zu bestatten sei. Er trug sie selbst heraus, und zog dann ohne Gefolge dahin in seinem weißleinenen Kittel, der fast bis auf die Knöchel reichte, und den hirschledernen Hosen mit schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen, nach dem Brauch den Dreispitzer oder Nebelspalter in der Linken tragend und mit der Rechten das blinde Rößlein führend.

Ganz ohne Sang und Klang wollte er seine Todten nicht begraben. So stimmte er jedesmal das Lied an:

„Wenn mein Stündlein vorhanden ist
Und ich soll fahr'n mein’ Straße,
So g’leit’ Du mich, HErr Jesu Christ,
Mit Hilf mich nicht verlasse.
Mein’ Seel’ an meinem letzten End’
Befehl’ ich, HErr, in Deine Händ':
Du wirst sie wohl bewahren.“

Am Thor des Friedhofs hinter dem Kirchlein hielt er und ging in den nahen Pfarrhof, wo der Pfarrherr Hermann Rudolphi, aus Bremen gebürtig, seiner schon wartete, und meldete seine Ankunft. Er trug dann die Leichen herein auf den Gottesacker, wo sie selbige mit einander fein in die gemeinsame Gruft betteten. Wenn diese geschlossen war, sprach der Pfarrherr ein Gebet um Abwendung der Sterbensnoth und um Bereitung zu einem seligen Tod, wenn es des HErrn Wille wäre, und beide, der Pfarrer und der Reiterlud, sangen dann zum Beschluß den letzten Vers jenes Liedes:

„So fahr’ ich hin zu Jesu Christ,
Mein’ Arm’ thu’ ich ausstrecken;
So schlaf’ ich ein und ruhe fein:
Kein Mensch kann mich aufwecken,
Denn Jesus Christus, Gottes Sohn,
Der wird die Himmelsthür’ aufthun,
Mich führ’n zum ew’gen Leben.“

Auch des Pfarrherrn Stündlein sollte noch in diesem Jahre kommen. Schon bei den letzten Leichen konnte er nicht mehr Hand anlegen. Er lag drinnen auf dem Bette in der Stube, aus welcher er die Aussicht auf den Kirchhof hatte. Wenn dann der Reiterlud seine Meldung machte, konnte er nur sagen: „So gehet denn in Gottes Namen, der HErr sei eure Hilfe und sehr großer Lohn.“ Und wenn der Reiterlud draußen ,,alIeinig“ seinen letzten Vers anstimmte, faltete der kranke Pfarrherr seine Hände zum Gebet. Nach geschehener Beerdigung trat jener in die Stube und gab die Namen der Todten an, welche der Pfarrer mit zitternder Hand in das Kirchenbuch schrieb, das ihm seine Tochter und einzige Pflegerin auf's Bett reichte.

„Wie gemahnt mich unser Lied an einen geliebten Freund und Bruder im Amt,“ sprach der Pfarrherr eines Tages mit schwacher Stimme, ,,es war der selige Huldreich Müller, ein Schweizer und weiland reformirter Pfarrherr zu Bergzabern. Von da war er in eine Gemeine seiner Heimath berufen worden, und wollte ein Jahr daraus die frühere Heerde wieder heimsuchen. Er hatte sich mit einigen andern Reisenden auf ein Schifflein begeben, das den Rhein herabfahren sollte. Sie waren aber noch nicht weit gekommen, als sie bei Rheinfelden ein Sturm befiel und das Schifflein umschlug. Vom Ufer aus ward man wohl ihre Noth gewahr, konnte aber nicht alsobald zu Hilfe eilen. So ertranken alle seine Gefährten schnell; nur Huldriens konnte sich noch eine Weile über dem Wasser halten und sang das Lied: Wenn mein Stündlein vorhanden ist. Ein rettender Kahn war schon in der Nähe, da sank des Freundes Leib unter und ward nicht mehr gesehen, seine Seele aber ward von den Engeln getragen in seines Heilandes Schooß; und wie freu' ich mich, daß ich ihn nun bald wieder schauen darf und meine selige Eheliebste, wo ich mit ihnen und allen Auserwählten anstimmen werde das ewige Lob Gottes und des Lammes!“

So war die liebe Adventszeit gekommen und das Sterben ließ nach, aber der alte Pfarrherr harrte noch seiner Erlösung. Seine Pfarrkinder, deren nur mehr ein kleines Häuflein war, gingen zuweilen nach Speyer zur Kirche, da die nächsten Heerden ohne Hirten waren. Auf das heilige Christfest wünschte er sehnlichst, daß seine Gemeine das Nachtmahl in ihrem Kirchlein feiern und er auch daran Theil nehmen könne. Er ersuchte daher seinen greisen Amtsbruder Nikolaus Treviranus in Speyer um diesen Liebesdienst, und am zweiten Festtage holte ihn der Reiterlud auf seinem zweirädrigen Karren ab, denn ein Fuhrwerk anderer Art war im ganzen Dorfe nicht zu haben.

Nach dem Gottesdienste empfing auch der Hirte der Gemeine das gesegnete Brod und den Kelch der Danksagung. Das Gemeinlein war mit herüber in den Pfarrhof gekommen, und die in der Stube nicht Platz hatten, standen vor den Fenstern. Als die Danksagung gesprochen war, sagte der Kranke zu Treviranus: „Habet herzlichen Dank, liebster Herr Bruder, für die Beweisung Eurer Liebe. Ich darf nun wohl mit Hiob sprechen: Mein Odem ist schwach und meine Tage sind abgekürzet, das Grab ist da. Aber gelobt sei mein Jesus, der mich mit Seinem theuren Leib und Blut erquicket und zum letzten Kampf gestärket hat. Er wird mich nicht im Grabe lassen. — Was ich aber nach Gottes Rath hier auf Erden muß zurücklassen, meine liebe Tochter, die wollet Ihr in Eure Fürsorge nehmen und unter gutem Geleite zu unsern Anverwandten nach Bremen ziehen lassen.“

„Und nun, Kindlein,“ sprach er zu seinen Pfarrkindern gewendet, „bleibet bei Ihm, der als ein Kindlein heut’ geboren ist, auf daß ihr Freudigkeit habt zu Seiner Zukunft, und wir uns Alle dereinst mögen sehen zu Seiner Rechten stehen!“ Nachdem er sie noch gesegnet und zum Abschied einem jeden die Hand gereicht, verließen sie mit Thränen den Pfarrhof.

Den Speyerer Pfarrherrn, als er mit dem sterbenden Bruder Abschied gemacht und die Erfüllung seines letzten Wunsches zugesichert hatte, fuhr der Gilgenmatz zur Stadt, der Reiterlud blieb bei dem alten Herrn zurück. Dieser hatte sich über sein Ende nicht getäuscht, und als die Sonne am frühen Winterabend hinabsank, da segnete er noch seine Tochter, befahl seinen Geist in Jesu Hände und entschlief. Der Reiterlud hat ihm die Augen zugedrückt und den letzten Dienst gethan, er hat ihm das Grab gegraben. Nach der Beerdigung schrieb er selber in’s Kirchenbuch:

„Den 26. Decembris 1666 hat gott der all-
„mechtig vnßeren Herr Pfarrer, Herman rudolffi,
„durch den zeitlichen Dot von dißer weit abgefordert,“

 

6. Die Heimkehr.

Der Reiter auf dem fahlen Pferde hatte den Reiterlud nicht aufsitzen heißen, aber das Sterbensjahr hatte in dem Alten eine rechte Sterbenslust erregt. Oft konnte man ihn sagen hören: „Ich habe Lust abzuscheiden und daheim zu sein bei dem HErrn, welches mir auch viel besser wäre; denn ich bin doch fast zu nichts mehr nutz auf dieser Welt. Meine Beine sind mir manchmal steif worden vom Reiten, wenn ich Tag und Nacht nicht vom Gaul kommen bin; jetzt werden sie mir steif vom Gehen, und die Unterthanen wollen auhebends nicht mehr recht pariren.“ Er meinte seine Füße. Nur den einen Wunsch hatte er noch, daß er seinen Kasimir, der Schwester Sohn, an dem sein Herz hing, wieder sehen möchte, ehe denn er sterbe.

Dieser Wunsch sollte ihm erfüllt und noch eine Freude dazu geschenkt werden. Nach einiger Zeit kam der Ersehnte wirklich heim als ein schmucker Jägersmann, denn der Försterdienst zu Ugelheim war ledig geworden, und auf Verwendung seines bisherigen Herrn, des Grafen von Leiningen, war ihm die Bestallung auf der kurfürstlichen Kanzlei schon ausgefertigt worden, und er trug sie in der Tasche. Was das für eine Freude war für die Mutter und für den alten Vetter, als er unerwartet hereintrat und nach den ersten herzlichen Begrüßungen sich als den neuen Förster vorstellte!

„Ich will nun gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe.“ So rief der Alte mit den Worten des Erzvaters Jakob, als der seinen Joseph wieder umarmen durfte; denn er hatte den Kasimir nie anders angesehen, als ob er sein eigen Kind wäre. Nach Gottes Willen und Fügung war ihm ein eigener Hausstand nicht geschenkt. Dafür prutzte er nicht wie so mancher alte Junggeselle mit Gott und der Welt, sondern er suchte seine Gaben zum gemeinen Nutzen anzuwenden. Er war ein rechter Pflegvater für seiner Schwester Kinder, und in gewissem Sinne für alle Dorfkinder. Ueberall und Allen war er behilflich mit Rath und That; er war im ganzen Dorf der „Vetter“ und das ganze Dorf seine Familie. Und war auch dieser Stand ihm von Gott gesegnet, weil Gott ihn darein geführet und er sich willig darein gefüget hatte.

Der neue Förster bezog die Dienstwohnung im Seitenbau des Jagdhofes, behielt aber sein Heim doch bei den Seinen. Nun kam des Abends mit dem Erzählen die Reihe an ihn, und der Greis hörte mit solcher Begier zu, wie ihm weiland der Knabe. Der Förster hatte die meiste Zeit, die er auswärts war, auf den Besitzungen des Grafen im Westrich zugebracht.

„Daß Gott erbarm’, wie hat’s da ausgesehen!“ erzählte er — „Da hätte man meinen sollen, es wären noch nie Menschen in jene Wälder und Thäler gekommen, wenn man nicht von Zeit zu Zeit auf Brandstätten und Trümmerhaufen gestoßen wäre, daraus man merken konnte, daß hier einmal Dörfer und Höfe gestanden waren. Nach und nach kamen wieder Ansiedler, aber der Langfinger und seine Sippe blieben auch nicht aus, und was die Heuschrecken gelassen hatten oder was wieder erworben ward, das fraß das Geschmeiß, andere ihrer Sorte, die nach ihnen kamen. Eine Bande von zerlumpten Marodehelden machte die ganze „Sickinger Höh“ unsicher, Das That, so sich von Landstuhl gen Wallhalben hinzieht, war ganz mit Gestrüpp zugewachsen von einem Berg zum andern. Die alte Kirche des letzteren Ortes, die noch allein stand mit ihrem festen Thurm, hatten sie sich zur Burg gemacht. Einem riesigen Weibe in Mannskleidern gehorchten sie als ihrem Hauptmann; die führte sie an, wenn sie bei Tag und Nacht streiften mit ihren großen Fanghunden und mit Büchsen und Säbeln bewaffnet So überfielen sie die armen Ansiedler, die aus der Schweiz gekommen waren, und nahmen ihnen das Brod aus der Lade und das Bischen Geld aus dem Kasten. Wehe dem, der sich zur Wehre setzte; sie haben einen Manchen kalt gemacht, und Andern, wenn sie ausgeplündert waren, den rothen Hahn auf’s Dach gesetzt. Wir waren ein Trupp Jäger und hatten uns, so gut es ging, auf dem benachbarten Herschberg eingerichtet. Streiften wir auf sie, so erwischten wir nicht Einen, denn sie wußten alle Schlüpfe; mehr wie einmal haben sie uns die Hunde vergiftet, um uns überfallen zu können, und wie oft haben ihre Kugeln uns um die Ohren gepfiffen, ohne daß wir sie sahen. In ihrem Versteck konnte man sie nicht angreifen, denn sie halten sich in der Kirche tüchtig verschanzt, und Pulver  und Blei besaßen sie in Menge. Wir aber mußten auch bei Nacht beständig auf der Hut sein, da wir nur ein zerfallenes Bauernhaus uns ausgeflickt hatten, und Verstärkung konnte uns der Graf keine schicken. Gewiß, Vetter Lud, es war ein harter Dienst! Lieber in der Schlacht stehen, einem offenen Feinde gegenüber, als sich mit solchem Gesindel herumschlagen zu müssen.

„Endlich haben wir sie doch gekriegt, freilich haben wir dazu müssen eine Kriegslist brauchen. Einer der Ansiedler sollte ein Säcklein mit Kieselsteinen füllen und es vor sich auf’s Roß nehmen; so sollte er das Thal entlang an dem Verstecke der Räuber vorbei reiten, als ob er gen Laudstuhl zöge. Ein Anderer sollte es im tiefsten Geheimnis der Bande verrathen, daß jener um die und die Zeit in der Frühe vorbei käme; er wisse ganz gewiß, daß er ein Säcklein bei sich hätte, das nicht leicht wäre, und wenn sie’s nicht verpaßten, könnten sie wohl einen Fang thun. Wir hatten Mühe, die beiden Leute zu gewinnen, denn in der ganzen Gegend hielt man nicht anders dafür, als daß das Weib kugelfest wäre und nur mit einer gefeiten silbernen Kugel könnte erschossen werden. Zuletzt willigten sie doch ein, und wir schlichen uns schon um Mitternacht auf unsern Posten, so nah’ als möglich zu der geschändeten Kirche, die aus einem Bethaus wörtlich zur Mördergrube geworden war. Ein paar Tage her hatte es recht geregnet, so daß wir das Gesindel sicher in seiner Burg wußten, und eine recht stürmische Nacht wählten wir, damit uns die Hunde, die sie bei sich hatten, nicht so bald wittern sollten. Wir hatten das Loos gezogen, welcher von uns den und jenen von der Bande auf's Korn nehmen sollte, damit wir nicht blind dreinschößen in den Haufen. Da war mir das Weib, ihr Hauptmann, zugefallen. Der Kirchhof, in dessen Mitte die Kirche steht, bildet einen kleinen Hügel und ist mit einer Ringmauer umgeben, an welcher gerade dem Eingang gegenüber eine mächtige Linde gewachsen ist, die ihre Aeste über das Kirchendach und über den herbeiführenden Weg ausbreitet. Da mach’ ich mich hinauf und halte mich fein still bis zum Morgen. Als ich den Mann in der Frühe hab’ das Thal herkommen sehen, da könnt ihr denken, hat mir doch das Herz gepoppert vor Erwarten. Wie wir’s uns ausgedacht, so kam“s; sie gingen in die Falle. Ich ließ sie alle herauskommen, dann schlug ich an, that einen Pfiff, das Zeichen zum Angriff, und mit einem „Gott walt’s“ brannte ich los. Ja, die Kugel war gefeit, sie traf das Ungeheuer von einem Weibe, und mit einem greulichen Fluch stürzte es zusammen. Etliche fielen, Andere fingen und banden wir, Mehrere entkamen und verließen die Gegend. Gott weiß, ich hätte lieber in ehrlicher, offener Schlacht gefochten, als in solchem Krieg. Aber es ist also mein Beruf gewesen, und ich bin’s gewiß, daß Gott die Kugel gelenkt hat zur Rache über die Uebelthäter.“

Nicht alle Geschichten waren so traurig, der Förster wußte auch lustige Jagdstücklein zu berichten, oder vom Schaudichnichtum, Murrmirnichtviel und Kehrdichannichts im Dürkheimer Thal zu erzählen. Aber bis auf diesen Tag erzählt man sich noch im Thale der Wallalb vom „Wilpertsknapp“, d. i. vom Wildbretsknappen oder Jägerburschen, und seiner That, durch die er die ganze Sickinger Höhe von einem gefährlichen Feinde befreite. —

Ein halbes Jahr war vergangen und der Sommer dahin; die Kraniche und Gänse zogen in Schaaren dem Süden zu; der Winter rüstete sich schon droben in Lappland und da herum auf die Reise, ballte den Schnee zu Wolken und fing die Stürme ein in seine Schläuche, damit er wollte in den deutschen Landen Kurzweil treiben, denn seine Zeit war gekommen.

„Was meinet Ihr, Vetter Lud,“ hob da eines Tages der Förster an, „wenn ich mich nun hald wollte in den Ehestand begeben, ehe der Winter einbricht. Ich hab’ mein ehrlich Brod und kann wohl ein Weib ernähren. Die Mutter hat bis dahin gesorgt, aber man ist übernächtig,7 und meine Schwester wird auch nicht immer ledig bleiben.“

„Ja, das wär' Alles recht,“ meinte der Reiterlud. „Ich muß es loben, daß du so denkst. Es sollt’ ja keiner heiren, eh’ er wüßt’, sich und die Seinen zu ernähren; ’s wär’ manche Mutter mit ihren Kindlein nicht in so bittrer Noth, und läg’ auf manchem Vater nicht das schwere Wort: Wer aber die Seinen, sonderlich seine Hansgenossen, nicht versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide. Und dann geht’s wie im Sprüchwort: Vorgethan und nachbedacht hat Manchen in groß Leid gebracht.— Aber wie weiter? Zum Heiren, Kasimir, gehören ihrer Zwei. Und dann bedenks recht; denn es ist für’s Leben: was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden.“

Der Förster schwieg eine Weile; wiewohl er sonst vor dem väterlichen Vetter nichts hehl hatte, fiel’s ihm doch schwer, das einzige Geheimnis, das er bei sich verborgen trug, zu verrathen. Aber es mußte doch einmal heraus.

„Nun, mit dem Lisbethlein könnt’ ich glücklich sein, wenn Gott Seinen Segen dazu gibt; so hab’ ich mir’s schon gedacht. Und Ihr wisset ja, daß wir von Kind auf einander gut haben leiden mögen.“

„Freilich weiß ich’s und hab’s schon lang gemerkt, daß ihr zwei einander nicht gleichgiltig seid. Ich denk’, du wirst keinen Brautwerber brauchen; der Mutter wirst du recht sein, und das Lisbethlein wird nichts einzuwenden haben.“

Dabei lächelte wohl der Alte freundlich, denn es ist schon längst sein geheimer Wunsch gewesen, daß die beiden, die er lieb hatte wie eigene Kinder, einmal ein Pärlein werden möchten. Als aber der Kasimir fort war, saß er gar nachdenksam eine Weile in dem Großvaterstuhl, und ein schmerzlicher Zug lag um seine Lippen. Plötzlich stand er auf, fuhr mit der Hand über’s Gesicht, als wollt’ er einen Traum verscheuchen, und sagte zu sich selber: „Lud, schlag’ dir die alten Zeiten aus dem Sinn und freu' dich der Güte deines Gottes, der dich so und nicht anders geführt, und sei dankbar, daß deinem Kasimir seine Lisbeth wird. — —- Nun, ’s wird hoffentlich meine letzte irdische Freude sein, die Kinder im Gotteshaus zu sehen, wie ihre Hände zusammengefügt und sie gesegnet werden zu ihrem Bunde.“

Zwischen dem Kasimir und dem Lisbethlein ward’s richtig, und die Hochzeit wurde bald ausgerichtet. Aber in einem Stück sollte der Reiterlud sich getäuscht haben; denn er sollte noch zwei weitere Jährlein in seiner Pilgerschaft bleiben. Die alte Lisbeth starb bald, nachdem ihr Töchterlein versorgt war; er aber erlebte noch die Freude, daß er das erstgeborne Knäblein der Förstersleute über die Taufe heben und sein Pathchen auf den Armen tragen durfte. Besonders freute er sich, daß die beiden jungen Leutchen so ungetrübt das Glück genoßen, das ihm versagt war.

So war ihm nach einem vielbewegten Leben ein ruhiger und lieblicher Abend beschert· Er fühlte sich wohl daheim bei seinen Kindern, die ihn von da an nicht anders als „Großvater“ nannten und ihn auf den Händen trugen; und doch war er nicht ganz daheim. Nicht daß er sich in das wilde Kriegsleben zurückwünschte, er sehnte sich vielmehr nach den ewigen Hütten des Friedens. —

Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Haus kommen; auch für den alten Reiterlud kam die Zeit der ersehnten Heimkehr.

Es gibt kräftige Naturen, besonders unter den Bauersleuten, die ihr Lebtag nicht erfahren haben, was es heißt, krank sein. Wenn sie dann im Alter einmal krank werden, so ist die Krankheit, wenn auch sonst leichter Art, meist zum Tode. So war's auch beim Reiterlud. Denn daß er einmal ein paar Wochen an einer tödtlichen Wunde im Krieg war darniedergelegen, das kann man nicht als Krankheit rechnen. Eines Morgens wollte er aufstehen, aber seine Beine wollten ihn nicht tragen, und um’s Herz war’s ihm so matt. Er mußte sich wieder niederlegen, und die Försterin brachte ihm sein Morgensüpplein an’s Bett. Und ob sie es selbigen Morgen nicht anders bereitet hatte denn alle Tage, so wollt' es ihm doch nicht schmecken.

Der Förster war schon früh in den Wald gegangen nach seiner Gewohnheit und hatte hinterlassen, daß sie ihn auf Mittag nicht erwarten sollten, wie das öfter vorkam. Die junge Frau wußte sich nicht zu helfen; sie eilte hinüber in’s Pfarrhaus und bat den neuen Pfarrer, zum Großvater zu kommen, denn sie meine nicht anders, als der wolle sterben.

Der Pfarrer kam, und nachdem er mit dem Alten gebetet, blieb er noch eine gute Zeit, ihn auszurichten mit kräftigen Trostsprüchen. Als er gegangen war, wichen des Lud Schwester und die Försterin nicht vom Bette. Schlummernd lag der Alte mit gefalteten Händen; nur manchmal schlug er die Augen auf und fragte mit gebrochener Stimme: „Ist der Kasimir da?“ Und wenn er ihn nicht sah und eine verneinende Antwort bekam, schloß er sie wieder.

Der Mittag war vorüber, und wohl zehnmal hatte an dem langen, langen Nachmittag der alte Reiterlud gefragt: „Ist der Kasimir da ?“ Leise weinend und betend saßen die beiden Frauen am Bette, denn sie sahen, daß er über seinem Verlangen nicht sterben könne.

Endlich hörten sie draußen die bekannten Schritte. „Er kommt,“ sprach der Alte ruhig, ohne die Augen aufzuschlagen.

Die Försterin war hinausgeeilt, ihrem Manne das Vorgefallene zu erzählen. „Weiß ich’s doch jetzt,“ sprach dieser, ,,warum’s mir den ganzen Tag so traurig um’s Herz war, ob mir gleich nichts fehlt, und warum mich’s immer so heimgezogen hat! Nun, wie Gott will!“

Er trat all das Bett des Alten. Der hatte sich allein aufgerichtet und saß da mit gefalteten Händen. „Gott sei — Dank, daß ich — dich — sehe! — Der HErr — hat gerufen; — ich — folg’ ihm — noch — heut.“

Er schwieg, um Luft zu schöpfen.

„Bringet mir — den kleinen — Lud!“ bat er nach einer Weile.

Und als sie das Kind brachten, legte er segnend die Rechte auf sein Köpflein. Dann reichte er den Dreien, die um ihn standen und weinten, die Hand, und indem er alle Kraft zusammennahm, sprach er: “Weinet nicht; — freuet euch vielmehr! — Ich denk’, — ihr sollt mir — all’ folgen — in’s himmlisch’ —- Paradeis!“

Seine Kraft verließ ihn, und sie legten ihn sachte zurück.

Er lag wieder da, die Augen geschlossen und die Hände gefaltet, und seine Lippen bewegten sich. Noch einmal hörte man ihn leise beten:

„Denn Jesus Christus, Gottes Sohn,
Der wird die Himmlelsthür’ aufthun“ —

und die Lippen schloßen sich, denn das Herz stand stille.

Droben aber hat seine Seele mit freudigem Aufthun ihres Mundes den Vers ausgebetet:

„Mich führ’n zum ew’gen Leben.“

 

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Fußnoten

1 Anna Margaretha.

2 „Loose“ wird in der Pfalz das Mutterschwein genannt

3 Hans Michel Obertraut, ein kühner pfälzischer Reiteroberst,der deutsche Michelvon den Spaniern zuerst genannt. Es istalso ein Pfälzer, von dem diese Bezeichnung ausgekommen ist.

4 Im Jahre 1635.

5 Geißel, Peitsche.

6 Ein Teich, der durch den Dorfbach gespeist und zur Pferdeschwemme benützt wurde Jetzt ist er verschwunden, aber das Haus, so daran stand, heißt heute noch „in’s Weed-Dewels“ (Theobalds).

7 Dieser Ausdruck im Volksmund will sagen, daß jeder Mensch über Nacht sterben kann, und wird besonders gebraucht, wenn man von dem bevorstehenden Tod einer betagten Person in schonender Weise sprechen will.

Sterbeurkunde von Johann Adam Sieber

8.)    Im Jahre tausend acht hundert zwölf, den 15. Februar um 9 Uhr
        des morgens vor uns Franz Becker, Bürgermeister und
        Civil-Standesbeamter der Gemeinde Iggelheim, gleiche Bürgermeisterei, Canton
        von Mutterstadt, Kreis Speyer, Departement Donnersberg, sind erschienen
        Melchior Jann, katholischer Religion, im Alter von 32 Jahren,
    

    wohnhaft in Iggelheim, und Johann Denner, Schulmeister,
        der gleichen Religion, im Alter von 51 Jahren, wohnhaft
        in der genannten Gemeinde                                 Freund des Verstorbenen,
        die uns erklären, dass am 15. des laufenden Monats Februar
        um 6 Uhr am Morgen, Johann Adam Sieber,
        Steuerdirektor und Ehrenbürger der Gemeinde
        Iggelheim und Schifferstadt                                       von Beruf
        Gastwirt und Kaufmann für Lebensmittel im Einzelhandel, Alter 49
        Jahre, geboren in Hassloch, wohnhaft in Iggelheim, Ehegatte
        von Marie Elisabethe, geborene Juliano, geboren in Hassloch, und Sohn
        von seinem verstorbenen Vater Jacob Sieber                     Gastwirt und
        Zöllner vom alten Regime der Pfalz und der verstorbenen
        Ehegattin Catherine Barbara, geborene Bergtold,
        ist verstorben den 15. des Monats Februar um 6 Uhr
        des Morgens im Haus Nr. 50 Hauptstraße, 1. Sektion,
        und haben die Erklärung als Zeugen mit uns gegenwärtige Akte
        nach Vorlesung unterschrieben.   


              Melchior Jann                  Jean Denner             Becker, Maire

 

Agent V. Lützel

Als auf den Neujahrstag 1798 der letzte Schultheiß abgesetzt war, wurde der Gemeinde  aufgetragen, einen „Maire“ (Bürgermeister) zu wählen. Der Besatzungsmacht konnte man sich zwar nicht erwehren, aber man trat in den passiven Widerstand. Die Bürger wählten einfach nicht. Darauf hin setzten die Besatzer einfach einen Fremden in dieses Amt (Friedrich Diehl aus Hassloch), dem die Gemeinde auch noch täglich 3 Gulden zahlen musste.
Schließlich fügten sich die Iggelheimer dieser Anordnung und wählten Valentin Lützel, der sich „Agent“ nannte.  
Dieser vertrat aber nicht lange die Interessen der Gemeinde.

Ein Auswandererschicksal

von: Reinhold Schneider

Von dem nach Amerika ausgewanderten Ludwig Korn, geboren am 22. November 1863, Metzger, der wegen „Jugendthorheiten“, wie er sagt, seine Heimat verlassen hatte, sind einige Briefe erhalten geblieben. Ausführlich schildert er in seinem ersten Brief vom 28. Februar 1886 an seinen Vetter (?) die Überfahrt, den wir hier teilweise im Original wiedergeben: „Wie Du weißt bin ich Mittwochs den 12ten März1) eingeschifft worden. Von Anfangs ging die Fahrt sehr gut bis zum fünften Tage, dann fing es an zu stürmen. Am siebten Tag wurde der Sturm zu einem Orkan. Das große schwere Schiff wurde herumgeworfen wie eine Nußschahle. Als der Sturm sich etwas legte bekamen wier einen Nebel so dicht daß man kaum auf zehn Schritte sehen konnte. Die Ursache davon war daß das Schiff eine Nacht nicht fahren konnte weil man sonst befürchte mußte mit einem andern Schiff zusammen zu stoßen. Den zweitletzten Tag bekamen wir helles kaltes Wetter und je mehr wier uns Amerika näherten desto kälter wurde es. Morgens den 22ten März sahen wier Land aber es wehte ein so scharfer Wind daß wir uns gleich wieder in unser warmes Zwischendeck flüchteten. Das Wasser welches der Wind aufs Verdeck peitschte fror sofort an die Tauen, die Schiffsleitern sogar der Hauptmast war mit halbfuß dickem Eis bedeckt. Auf dem Verdeck lag das Eis schuhdick. Mittags wurden wir in Hoboocken ausgeschifft und dann wurden wir von einem kleinen Dampfer abgeholt und nach dem Castelgarten gefahren. Vom Castelgarten aus ging ich mit einem andern Deutschen nach der badischen Heimath ein kleines Hotel in New York.“
Bevor er zur Familie seines Onkel Hans weiterfuhr, schaute er sich 4 Tage die Sehenswürdigkeiten New Yorks an. „Insbesondere die große Broockliener Brücke welche eine halbe Stunde lang ist 2). Auch besuchte ich den Zirkus welcher der größte der Welt ist“.
Die Fahrt nach Cincinati dauerte ein Tag und zwei Nächte.

Die Iggelheimer Gemeinderechnung aus dem Jahre 1618, bei Ausbruch des 30-jährigen Krieges

Im Jahre 1618 genügten gerade 23 Seiten um die Gemeinderechnung 1617/18 ausreichend zu präsentieren. Der ehrsame Hannß Bechtoldt Zickgrannfft und Hanß Drößler der Junge, beide als Dorfmeister erwählt, hatten diese Aufgabe übernommen.
Iggelheim zählte damals etwa 350 Einwohner. Als Schultheiß amtierte Ludwig Straub.
Ein Rechnungsjahr begann am Martini (11. November) und endete zum selben Zeitpunkt ein Jahr später. Die Dorfmeister waren den heutigen Kassenverwaltern (Einnehmer) gleichzustellen.
Eingangs erwähnt, dass der Gulden  zu 20 alter Schillingpfennigen gerechnet wird. Sie ist übrigens die älteste Gemeinderechnung, die über einen Gemeindehaushalt Iggelheims aus jener Zeit Auskunft geben kann.
Obwohl es das erste Jahr des Dreißigjährigen Krieges war, sagen die Eintragungen noch nichts über diese schwere Zeit aus. Es fielen lediglich die Ausgaben von zwei Gulden an, die der Barche(n)t* kostete, den die Soldaten „zu verschießen“ erhielten. Um welche Soldaten es sich handelte und welchen Grund es zum Schießen gab, kann leider nicht mehr nachvollzogen werden, da es sich bei dieser Gemeinderechnung um ein Rechnungsdoppel handelt, dem die entsprechenden Belege fehlen. Alle anderen Buchungen waren die üblichen Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde Iggelheim in jener Zeit. So betrugen die Gesamteinnahmen 103 Gulden und 2 Schillinge und die Gesamtausgaben 85 Gulden 13 Schillinge und 10 Pfennig. Den Überschuss übernahmen die nächsten Dorfmeister, die jährlich wechselten.
In der Regel wurde eine Gemeinderechnung im folgenden Jahr „abgehört“  (geprüft) und bestätigt. An dieser Rechnung fällt jedoch auf, dass dies erst am 2. September 1626 durch die beiden Faute  J.Stephan Andrae (Pfalzfaut) und Eberhard Wolfgang Heimberger (leiningischer Faut)  geschah, was mit den damaligen unruhigen Kriegszeiten zusammenhängen konnte.

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